Ewers, Hanns Heinz - August, der lederlose S-Mensch und tapfere Vorkämpfer gegen Hühnermord

Einmal, vor einem Vierteljahrhundert etwa, sahen napolitanische Zollwächter ein komisches Ding auf dem Golfe treiben. Sie witterten Unrat und kaperten das seltsame Fahrzeug, das einer Tonne ähnlicher sah wie einem Boot. So wurde August Gefangener und das war sein Glück, denn sein Kübel drohte in Wohlgefallen sich aufzulösen. August wurde in den Kerker geworfen und gegen ihn eine hochnotpeinliche Untersuchung wegen Schmuggels angestellt. Aber diese Untersuchung endete mit einem Rüffel für die Zollwächter und einer grossen Ehrenerklärung für August, denn es stellte sich heraus, dass er erstens ausser ein paar Pinseln, Farben und Skizzen nichts bei sich hatte und zweitens der Sohn einer hochangesehenen Münchener Familie war.

So leicht aber gab August Weber seinen Plan, nach Capri zu fahren, nicht auf. Bald nach seiner Entlassung aus dem finstern Verliess bestieg er stolz das Marktboot und segelte vergnügt nach dem schönen Eiland. Er stieg hinauf, sah vom Sattel aus die Piccola Marina: dieser Augenblick entschied für sein Leben. Das ist ein sicherer Beweis, dass August einen sehr guten Geschmack hatte. Denn heute noch ist die kleine Marine, zwischen den steilen Felsen des Castiglione und des Solaro, mit der Sireneninsel, der Venusgrotte und dem herrlichen Blick auf die drei Faraglioni bezaubernd schön, trotz des besten Willens der Menschen sie zu verschandeln, trotz der hässlichen Gemeindestrasse und der noch viel hässlicheren Kruppstrasse, trotz der grässlich geschmacklosen neuen Villen. – Zur Zeit aber, als August sie zum ersten Male sah, als sie nur ein einziges pittoreskes Fischerhäuschen neben dem alten Sarazenenturm trug, da muss sie ein wahres Paradies gewesen sein! August, der mit seiner Malkunst herzlich wenig Geld verdiente, und dazu seinen Stolz darin setzte, so billig wie möglich zu leben, schlug sein Quartier erst in einer Grotte auf; später bezog er das verfallene Gemäuer des sogenannten Fortino, eines winzigen Kastellchens, das vor hundert Jahren der englische Gouverneur Hudson-Lowe, der spätere Kerkermeister des grossen Napoleon, errichtete, als ihm die Idee kam, aus Capri ein Klein-Gibraltar zu machen. Hier fühlte sich August sehr wohl, eine Matte diente als Bett, einen alten Stuhl warf ihm eines Tages Poseidon an den Strand und einen Tisch zimmerte er sich selbst. Da nun aber der Mensch ohne tägliche Nahrungsaufnahme leider nicht zu existieren vermag, so musste August auch dieser Frage näher treten, und es lässt sich nicht bestreiten, dass er sie auf eine äusserst sinnreiche Weise löste. Er ging in die Stadt und kaufte sich einen Topf. In diesen Topf tat er alles hinein, was er auf dem Felde fand oder für wenige Kupferstücke von den Bauern erstand, also Paradeisäpfel, Kohl, Rüben, Salat, Gurken, Kastanien, Kartoffeln. Bis oben hin füllte er seinen Topf, machte sich ein Feuerchen, kochte und speiste stolz zu Mittag. Doch der Topf war gross und Augusts Magen nur klein, so blieb ein gutes Drittel übrig. Das verwahrte sich August bis zum Abend, er füllte von neuem den Topf auf, kochte, ass, und behielt wieder einen Rest, den er wieder verwahrte und am anderen Tage wieder auffüllte. So ging es wochenlang, Tag für Tag, bis schliesslich einige Reste, die schon gar zu lange im Topfe waren, streikten und in Fäulnis übergingen. Eine Zeitlang sah das August mit philosophischer Ruhe an. Dann wurde ihm aber die Sache doch zu bunt. Er nahm seinen vollen Topf und warf ihn ins Meer, wahrscheinlich um dem Gotte der Fluten in etwas seine Erkenntlichkeit für den schönen Stuhl auszudrücken. Dann ging er hin und kaufte einen neuen Topf. So lebte August Weber glücklich manches Jahr und warf ungezählte Töpfe ins Meer.

Der alte Fischer, der diese schönen Töpfe wieder herausholte, wusch und seiner Küche einverleibte, hatte nun eine wunderschöne Tochter, die Raffaela hiess. Und da ein deutscher Maler nicht gut im sonnigen Süden leben kann, ohne eine schöne Tochter des Landes zu lieben, so verliebte sich August bis über die Ohren in die Fischermaid. Sie teilte seine Gefühle, aber der alte Desiderio, der Papa, der sich rühmte, den grössten Dickkopf auf der Insel zu besitzen, wollte nichts wissen von dem malenden Hungerleider. August freite sieben Jahre lang, wie Jakob; da endlich schmolz des Alten hartes Herz. Er erfuhr nämlich durch einen Zufall, dass der arme Maler eigentlich gar kein armer Maler war, sondern aus vermögender Familie stammte und noch einmal ein schönes Stück Geld ererben würde. So gab er denn seinen Segen und unternahm zugleich eine grosse Ehrenrettung Augusts. Er erzählte überall im Lande herum, August habe nur deshalb als armer Einsiedler gehaust, weil er der Madonna ein Gelübde abgelegt habe: so stieg August in der Achtung aller guten Christen.

August heiratete. Und August erbte. Und August baute. Er erwarb für wenig Geld ein grosses Grundstück, da, wo die kleine Grotte lag, die seine erste Wohnung auf Capri bildete. Erst baute er zwei Zimmer, dann noch zwei Zimmer im nächsten Jahre, und wieder zwei, und so fort in jedem Jahr, kunterbunt, wie früher in seinem Kochtopf, immer ein Zimmer aufs andere und ans andere, wie's gerade kam. Heute hat er bereits achtzehn Zimmer gebaut und über ein Jahr sind's wieder zwei mehr. Und dazu eine Menge Terrassen und Balkone und Loggien, die seinem entzückend gelegenen Flickhause ein äusserst pittoreskes Ansehen geben.

Eines schönen Tages erwachte August und hatte den S-Fimmel. Weisst du, was das ist, schöne Leserin? Gewiss nicht! Ich will dir's erklären. August erkannte, dass alles, was nicht mit einem S anfängt, von Uebel ist. Bisher war er Maler, aber da das mit einem M anfängt, so liess er von Stund an die Malerei sein. Statt dessen wurde er alles, was mit einem S anfängt. Auf seinem Hause Syrena, das von oben bis unten mit Versen und Inschriften von Augusts Hand bedeckt ist, findest du folgende Beschäftigungen Augusts angeschrieben: Strandpension, Schriftstellerei, Schauspielerei, Sämerei, Schlafzimmervermietung, Schriftsetzerei, Sprachlehrerei, Schuhversand, Schwammerlinge, Schreiberei, Sommerrettiche, Sauzähmerei, Sonnenbaderei, Strandbaderei, Sandbaderei, Sattlerei, Schafzüchterei, Saucenmacherei, Sackflickerei, Singlehrerei usw. mit Grazie ad infinitum! Aber, liebe Leserei, Verzeihung: Leserin, das ist nicht eitel Gerede, August betreibt wirklich alle diese Berufsarten! Er schreibt Stücke und führt sie mit seinen Kindern auf, er vermietet »Schlafzimmer«, d. h. er nimmt Fremde in übrigens gute und billige Pension, er versendet Caprischuhe, gibt Sprachstunden, zieht Samen, züchtet Säue und schreibt den ganzen Tag neue Verschen auf sein Haus. Als »Schriftsteller« muss er auch ein Organ haben, und da er sein Haus doch nicht gut versenden kann, so gibt er in seiner »Schriftsetzerei« den Tre heraus, den Corriere di Capri. Diese köstliche deutsch-englisch-italienische illustrierte Zeitung erscheint – – wenn schlechtes Wetter ist; heute liegt bereits die sechsundneunzigste Nummer vor mir.

Der Tre kämpft für Eieressen und gegen Hennenschlachten, wie denn August für seine Person Vegetarier ist. Er variiert dieses Thema unermüdlich in der Zeitung und auf den Wänden seiner Villa Syrena.

Er singt:

»Ich lass' der Henne gern ihr Leben,
Hab' ich nur von dem Saft der Reben.«

Darin muss ich ihm vollkommen beipflichten, dagegen fällt eine andere Mahnung:

»Spät, lieber nie, geh zu Verschwenderfesten,
Spät, lieber nie, sollst du die Henne mästen!«

bei mir auf ziemlich unfruchtbaren Boden, da ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich sehr gern recht früh zu »Verschwenderfesten« gehen würde, leider aber nur zu wenig Gelegenheit dazu habe.

Dass August, der Dichter, auch seiner Vaterstadt gerne gedenkt, geht aus dem Reim hervor:

»Wer Händeln masslos schlingt – was kann's ihm nützen? –
Wird oft im Hofbräuhause masslos sitzen.«

Ob das wahr ist, weiss ich nicht, da ich wirklich niemals Händeln masslos geschlungen habe, doch hat August gewiss recht mit seiner Frage: – »Was kann's ihm nützen?« –

Recht hübsch ist folgendes Verschen:

»Die Zinsen nutzt ein weiser Mann
Das Kapital rührt er nicht an,
Die Henne, die ihm Eier gibt, zu schlachten,
Das ist des Toren albern Trachten.«

Daneben aber führt August noch einen zweiten, ebenso erbitterten Kampf; dafür hat er die Parole gefunden:

» Lederlos!«

Schuhe, das hat er herausgefunden, werden im allgemeinen aus Leder hergestellt. Leder aber wird aus den Häuten getöteter Tiere gemacht. Darum weg mit dem Leder! Nun werden auf Capri seit langen Jahren von Eingeborenen und Fremden fast nur Segeltuchschuhe mit Bastsohlen getragen, die für den felsigen Boden sich ganz anders eignen als Lederstiefel; sie sind viel widerstandsfähiger und dabei viel billiger. Für diese lederlosen Schuhe, die er auch in seinem »Schuhversandhaus« versendet, kämpft August unentwegt, hunderte von Lobesverschen auf »Lederlos« schmücken sein Haus und seine Zeitschrift. Zum Beispiel:

»Der Fremde, der von Lederstiefeln Hühneraugen bekommen hat, singt:

Böse Menschen, die sind liederlos,
Gute Menschen, die sind lederlos,
– – Oh, wär' ich doch die Luder los!!«

Oder:

» Die Frauen«

Die Eine, ganz kokett,
Stolziert in Lederstiefelchen und im Korsett,
Dichter begeisternd zum Sonett!
Die Andere, klug, bedeutend, gross,
Trägt beständig » Lederlos«.

Ich finde diese Einteilung des weiblichen Geschlechts einfach herzerfrischend, wenn ich auch nicht ganz verstehen kann, warum die Andere, kluge, bedeutende, grosse und beständig » Lederlos« tragende Frau, nicht ihrerseits auch »Dichter begeisternd zum Sonett« sein soll.

Auch die hohe Politik macht sich August dienstbar, er hat den Grund für die überraschenden Erfolge der japanischen Waffen gefunden:

» Japan gewinnt! – Ich forsche sonder Ruhe:
In Japan trägt man lederlose Schuhe!«

Nun wissen wir's! – Durch eine weitere Forschung sonder Ruhe hat August auch herausgebracht, wie gerupften Vögeln zumute ist:

»Es klagt der Vogel, welcher federlos,
Es jauchzt der Mensch, der lederlos.«

Es wäre undankbar, wollte ich verschweigen, dass August auch mich öfters angesungen und auf den Wänden seines Strandschlosses unsterblich gemacht hat. So singt er:

»Der Ewers fand die Grotte auf der Wunder Die Grotte Maravigliosa.,
Gegen die die Blaue ist nur Plunder.
Wie kam den glatten Fels herauf er bloss?
Er dankt's den Schuhen ›Lederlos‹.«

– – – So lebt und wirkt August Weber aus München auf seiner Villa Syrena an der Piccola Marina auf Capri. Er ist ein lebender Beweis dafür, dass die Originale nicht aussterben, dass auch unsere Zeit noch köstliche Exemplare der Spezies »Mensch« hervorbringt. Und darum, schöne Leserin, wenn die Sehnsucht nach dem Süden, die jedes Deutschen Herz erfüllt, in dir wieder einmal erwacht, und wenn du deine häuslichen Sorgen eine Zeitlang an den blauen Meeresfluten des Neapeler Golfes vergessen willst, dann versäume nicht, auch August aufzusuchen. Lass dir von seiner Frau Raffaela einen gelben deutschen Pfannkuchen bereiten – darin ist sie Meisterin – trinke roten Capriwein und lache über die schnurrigen Einfälle und Verschen Augusts, des lederlosen S-Menschen und Hennenbeschützers!

Quelle

https://www.projekt-gutenberg.org/ewers/meinauge/chap004.html




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