Ewers, Hanns Heinz - Deutsche Kunst im lateinischen Amerika

Gerade ein halbes Dutzend deutscher Maler traf ich in Südamerika. Zwei in Buenos Aires, einen in Rio, einen mitten im Chaco und einen in der Pampa. Den letzten aber, Don Gustavo, traf ich überall, er abenteuert durch ganz Amerika, von Halifax bis Punta Arenas hinunter.

Der erste war Don Martin. Kaum einen Tag war ich in der Metropole am La Plata, als er zu mir ins Hotel kam; er hatte von meiner Ankunft in den Blättern gelesen und war froh, einmal wieder mit einem Menschen zu sprechen, den er von Berlin her kannte. Don Martin lebte der festen Ueberzeugung, dass er in die schlimmste Räuberhöhle der Welt gefallen sei. Er hat im Berliner Westen ein hübsches Heim, eine liebe Frau, einen reizenden Jungen, hat eine Villa an der Ostsee und genug Bestellungen, um bequem leben zu können. Freilich reich war er gerade nicht; und reich konnte man im Handumdrehen im Silberlande werden, so hatte ihm ein deutscher Schulmeister erzählt, der seinen Urlaub in der Heimat verbrachte.

Martin liess also Weib und Kind und Wohnung und Villa, setzte sich auf den nächsten Hapagdampfer und fuhr nach Argentinien. Er hatte sich einen feinen Plan ausgeheckt, wie er die Herzen der Criollos im Sturme erobern wollte. Ausser seinen Porträts malte er nämlich zuweilen auch grosse Sensationsbilder, nie unter vier Meter im Geviert; eine solche Leinwand hatte er mitgebracht. Sie stellte das Kasino in Monte Carlo dar, im Vordergrunde selbstmordete sich gerade ein eben ruiniertes Hochzeitspärchen. Martin, der inzwischen zu einem Don Martin avanciert war, lief mit zwei Dienstleuten durch die Gassen, suchte das grösste Schaufenster und fand es bei einer deutschen Buchhandlung in der Strasse Bartolomé Mitre. Nach einer halben Stunde schon prangte das Riesenbild am Fenster. Befriedigt zog Don Martin weiter, mietete in irgendeiner Vorstadt ein Zimmer, das man mit einigem guten Willen als Atelier ansprechen konnte, und wartete da des grossen Erfolges. Der Erfolg kam auch, aber er war leider – – viel zu gross. Denn von Stund an stockte jeder Verkehr in der Bartolomé Mitre, der verkehrsreichsten Strasse der Stadt, dicht gedrängt standen Männer und Weiber vor dem Mordfenster, hoben die Kinder auf die Arme und wichen und wankten nicht. Und als dann der beglückte Buchhändler sich entschloss, die Bogenlampen vor seinem Fenster die ganze Nacht über brennen zu lassen, blieben die kunstbegeisterten Leute bis zum Morgen stehen und tief in den Tag hinein. Niemand konnte sich rühren, keiner nach Hause, keiner in sein Geschäft gehen. Die Banken, die alle in dieser Strasse liegen, mussten schliessen, die Trambahnen, die nicht vorwärts und nicht zurück konnten, wurden von Glücklichen erobert, die nun von ihrem Dache aus sehen konnten. Italienische Zeitungsbuben krochen auf die Häuser, liessen in Körben die Blätter hinunter und zogen ihr Geld hinauf; alle Zeitungen fanden reissenden Absatz, sie brachten die Reproduktion des »Selbstmordes von Monte Carlo«. Eine Hungersnot drohte unter der aufgestauten Menschenmasse auszubrechen; Bäcker und Fruchthändler folgten dem Beispiele der Camelots, stiegen auf die Dächer und versorgten die Leute mit Nahrung. Dann machte die Polizei einen Räumungsversuch, der aber ebenso vergeblich war, wie ein anderer des Militärs; man hätte Bergleute holen müssen, um den Schacht leer zu hauen – aber es gibt in Argentinien keine Bergleute. Inzwischen stieg der Wirrwarr. Frauen versahen sich, gebaren Kinder, die einen runden blutroten Flecken auf der Brust hatten, oder aber eine merkwürdige Zeichnung auf dem Rücken trugen, die wie das Kasino von Monte Carlo aussah. Endlich sandte der Präsident der Republik die Feuerwehr; die kroch auf die Dächer und setzte von dort aus die Strasse unter Wasser. Das Wasser floss natürlich in die Nebenstrassen und mit ihm flossen und schwammen die Menschen ab: so wurde Buenos Aires gerettet.

Buenos Aires – aber nicht Don Martin. Ihm und dem Buchhändler wurde wegen Anstiftung zur Revolution der Prozess gemacht, wegen groben Unfugs und Verkehrsstockungen, wegen Erregung öffentlicher Aergernisse durch Herbeiführung von Geburten auf öffentlicher Strasse. Zur Deckung der Geldstrafen und der Kosten wurde der »Selbstmord von Monte Carlo« beschlagnahmt und versteigert: ein patagonischer Estanciero erstand ihn für eine halbe Million. Aber Don Martin bekam davon nichts; nur eine Menge Porträtaufträge erhielt er und arbeitete also tapfer darauf los. Da er jedoch kein Wort spanisch verstand und jeden Menschen, der ein Bild bestellte, als einen ausgemachten Gentleman ansah, auch einen Vorschuss für einen eines Künstlers unwürdige Geschäftspraktik hielt, so war die Folge, dass er in einem Jahre zwar über hundert Bilder gemalt, aber kaum hundert Goldstücke dafür eingenommen hatte. Das Gericht aber scheute er wie die Pest. Lieber hungern, meinte er, und das tat er auch. Ich riet ihm, einen Impresario zu nehmen; aber er hatte schon zwei gehabt und die hatten ihn erst recht hineingelegt. Jetzt war seine einzige Hoffnung, nur einmal jemanden zu finden, der sein Bild bezahlte. Er genierte sich, nach Hause um Geld zu schreiben – wenigstens das Rückreisegeld wollte er sich erwerben. Täglich ging er in die Agentur der Hamburg-Amerika-Linie – – ach, wenn er nur endlich aus dieser Räuberstadt heraus wäre.

Aber Don Nicolàs seinerseits nannte Buenos Aires die entzückendste Stadt der Welt. Er war ein Hamburger Zeichenlehrer und hatte sich aus einem biederen Klaus spanisch weiterentwickelt. Hier hatte er in der Berlitzschule angefangen und dabei seinen Schülern erzählt, dass er eigentlich kein armseliger Sprachlehrer sei, sondern ein grosser Künstler. Zur Bestätigung hatte er ihnen Zeichnungen geschenkt, die er durchgepaust hatte. Er bekam den Neffen eines Deputierten zum Schüler und dann den Sohn eines Senators; da war sein Weg bald gemacht. Jetzt ist er Professor für Kunstgeschichte, Malerei und Bildhauerei an der Universität, aber es ist gewiss, dass sehr bald für ihn eine Akademie geschaffen wird, und dann wird er Direktor. Keine Stadt der Erde, sagt er, hat soviel Interesse für Kunst, soviel Verständnis und soviel edle Begeisterung. Von hier aus wird einst ein neuer Kunstfrühling in die Welt – – –

Mitten in der Pampa traf ich Don Zeppelino. – In Düsseldorf hatten wir einmal, als noch keiner von uns zwanzig Jahre alt war, einen Künstlerklub; da war der das grösste Talent, der am meisten trinken konnte. Jeder hatte einen geistreichen Trinknamen und ihn nannten wir »Zeppes«; mag der Himmel wissen, warum. Er wurde Pferdemaler aus dem einfachen Grunde, weil sein Vater auch Pferdemaler war. Später habe ich ihn oft wieder gesehen, in Karlshorst und in Auteuil; es lässt sich nicht leugnen, dass er eine unerhörte Pferdekenntnis von allen Pferdestammbäumen hatte. Wenn einer »Flying Fox« sagte, fügte er gleich hinzu: »Vom ›Petit Farceur‹ aus der ›Festa‹.« Und dann kamen weitere sechzehn Ahnen nach beiden Seiten hin. In Derby hatte er einen argentinischen Estanciero getroffen, der dort für eine runde Million einen »Matchbox«-Sohn als Beschäler kaufte. Der hatte ihn mit hinübergenommen. Hier wirkte er sehr für das Deutschtum, sprach nur Deutsch – sonst hätte er schweigen müssen – und liess sich Don Zeppelino nennen, was allein seine Bilder um das Dreifache an Wert steigen machte. Er ritt von einer Estancia zur anderen, erklärte jedem Estanciero, dass sein Lieblingsgaul vom »Bucephalus« oder vom »Rozinante« abstamme und unbedingt im Bilde der Nachwelt erhalten werden müsste. Das sahen die Herren ein, und da Zeppelino das Vorschusssystem virtuos beherrscht, wird er bald als reicher Mann zurückkehren.

Don Esteban fand ich in Rio; in München hatte er einst Steffi geheissen. Er malte noch immer Kreidebilder nach Photographien, aber wirklich jetzt mehr aus Liebhaberei. Nötig hatte er's nicht mehr. Denn er hatte in eine ausgezeichnete Pfandleihe hineingeheiratet, ein Geschäft, das überall einträglich, in Brasiliens Hauptstadt aber eine Quelle nie versiegender Reichtümer ist. Früher in München spielte Steffi jeden Abend Tarock und verdiente in wenigen Stunden bis zu zwei Mark. Heute spielt Don Esteban allabendlich Poker und verliert mit tödlicher Sicherheit einige hundert Milreis – – – aber das macht ihm gar nichts, er kann es sich ja leisten. Ja, wenn man eine Pfandklappe hat!

Max Renner aus Wien hat mir eine bittere Enttäuschung bereitet: er ist der einzige deutsche Maler, der da drüben nicht zum »Don« geworden ist. Drei Jahre treibt er sich nun schon da herum und macht nicht den leisesten Versuch, reich zu werden. Wenn er noch selbst reich wäre – aber keine Spur: er hat seine kleine Rente von ein paar tausend Gulden und die verbraucht er. Ich war mit ihm im Chaco, da malte er Indianermännlein und -weiblein, dann Tiger und Krokodile und Tapire und Ameisenbären. Für ihn ist seine Fahrt nur eine grosse Studienreise; er ist also gar kein richtiger Amerikamaler.

Aber ein ganz richtiger, vielmehr der allerrichtigste, den es gibt, das ist Don Gustavo. Er ist ein Düsseldorfer und wenn er Spanisch oder Englisch, Französisch, Italienisch oder Portugiesisch spricht – – – es klingt doch immer genau wie Düsseldorfisch. Das Gymnasium erklomm er bis zur Quarta, dann rückte er aus, wurde Seiltänzer und ging nach den Staaten. Da zog er mit einer Truppe durchs ganze Land und wurde der Reihe nach Parterregymnastiker, Zirkusreiter, Ringkämpfer und Konzertmaler. Diesen letzten Beruf ergriff er in Kanada, als der Herr der Truppe, der bisher in dieser Kunst exzellierte, plötzlich starb. Gustav trat an seine Stelle und malte, wenn die Ringkampfnummer zu Ende war. Das ist eigentlich das bequemste im Artistendasein, Konzertmaler zu spielen: man taucht nur seinen Pinsel in Wasser und wischt damit das dünne Seidenpapier ab, das über der längst fertigen Farbenzeichnung liegt. Gustav aber entwickelte diese Kunst zur Vollendung, er malte mit und ohne Musik, malte mit dem rechten und dem linken Fuss, malte im Trapez an den Füssen hängend oder auf dem Kopfe stehend. Schliesslich stellte er sich mit den Händen auf das trabende Pferd, malte mit dem linken Fuss, schwang mit dem rechten eine amerikanische und eine deutsche Fahne und sang dazu das Yankee-Doodle.

Auf diese Weise verdiente er eine Menge Geld. Dann kehrte er nach Düsseldorf zurück. Inzwischen waren alle seine früheren Schulkameraden längst Maler geworden, und es war daher das allereinfachste, dass er auch Maler wurde. Er mietete sich ein Atelier, richtete es schön ein und war Maler. Aber lange hielt es ihn nicht mehr zu Hause, er musste wieder Kunstreisen machen; jetzt freilich nicht mehr als Artist, sondern als Maler. Südafrika, Australien, die beiden Amerika, Sibirien und Indien hat er mit Porträts beglückt, ja sogar die Japaner verstand er davon zu überzeugen, dass deutsche Bildnisse denn doch eine höhere Kunst repräsentieren als Makimomos, Kakemomos und Oribons. Dazwischen kehrte er immer wieder nach Düsseldorf zurück, von hier aus machte der abenteuernde Wiking seine Beutezüge. Mit der Zeit fand er dann heraus, dass das lateinische Amerika das eigentliche Feld seiner Tätigkeit sei, diese gelobten Staaten, in denen auch in der Kunst das Faustrecht mitspricht. Und das hat Don Gustavo gründlich ausgebildet, ihm ist noch keiner mit der Zahlung durchgegangen, wie so viele dem armen Don Martin. Don Gustavo ist wirklich ein echter Raubritter; er ist der einzige Mensch, den ich je gesehen habe, der ein Panzerhemd trägt. Und ein paar hübsche Kugelbeulen auf der Brust beweisen, dass er es schon nötig gehabt hat.

Einmal traf ich ihn in einer kleinen Stadt im nördlichen Mexiko, da hatte er einen grossen Krach mit einem italienischen Minenbesitzer, der ein paar bestellte Bilder nicht abnehmen wollte. Don Gustavo prozessierte und gewann seinen Prozess trotz der ungeheuerlichsten Quertreibereien. Sein schwerreicher Gegner gab mit vollen Händen allen Richtern und Advokaten. Don Gustavo tat das natürlich auch, aber er erklärte ausserdem noch in aller Freundschaft jedem einzelnen, dass er ihn totschlagen würde, wenn er die Klage verlöre. Natürlich gewann er also. Aus Rache liess der Italiener aus San Franzisko einen Preisboxer kommen, der mit dem Maler in einer Kneipe Händel anfing. Don Gustavo bearbeitete ihn so gründlich mit den Fäusten, dass der arme Preisboxer sechs Monate lang das Hospital hüten musste, während Gustavo selbst ins Gefängnis gesteckt wurde. Dorthin liess er sich von ein paar Freunden seine Pistolen bringen und veranstaltete zu seinem Privatvergnügen ein so sicheres Scheibenschiessen, dass der Polizeihauptmann um seine Nachtruhe fürchtete und ihn höflichst ersuchte, doch nur ja bald das Lokal zu verlassen.

Solcher Stückchen kenne ich ein gutes Dutzend von Don Gustavo. Wie ein Drache fällt er in eine Gegend ein und wehe dem, der sich nicht malen lässt. »Die Kunst über alles« ist sein Wahlspruch, und als Pionier deutscher Kunst erobert er unerschrocken Gebiete, die nie einen Pinsel gesehen haben und eine Palette nicht einmal dem Worte nach kennen. Seine Düsseldorfer Mitmaler ärgern sich über ihn und schimpfen, aber das ist sehr unrecht von ihnen; denn Don Gustavo ist wirklich ein anständiger Kerl, der nicht nur an sich allein denkt, sondern auch alle anderen gern leben lässt.

Einmal traf ich ihn in Westindien; mein Reisegefährte war ein Berliner Marinemaler. Kaum hörte Don Gustavo, dass ein »Kollege« mit mir sei, als er sofort sich anheischig machte, ein Bild von diesem zu verkaufen. Mein Freund hatte nur kleine Stücke Leinwand mit, zu Studienzwecken; Don Gustavo aber brachte augenblicklich einen mächtigen Keilrahmen, überspannte ihn und setzte meinen Freund davor. »Was soll ich denn malen?« fragte dieser. »Einerlei, die Leinwand voll!« war die Antwort. Jede Stunde kam er ins Hotel nachzusehen; endlich – nach drei Tagen – war »die Leinwand voll«. – Kaum eine Viertelstunde später kam Don Gustavo mit dem Käufer, den er völlig erstickte mit einer ungeheuren Lobpreisung des herrlichen Bildes. Der arme Mann konnte nur starren, staunen – und seinen Beutel ziehen.

So ist Don Gustavo; er hat Ellbogen und er weiss sie zu gebrauchen. Vor ein paar hundert Jahren wäre er mit Pizarro nach Peru gezogen und hätte die Goldschätze des Sonnentempels zum Rheine geschleppt. Heute führt er den Pinsel statt des Raufdegens, und die Pistole steckt nur zur besseren Unterstützung in der Hosentasche. »Werde Christ oder ich verbrenne dich!« sagten die Konquistadoren. »Lass dich malen oder ich schiesse dich tot!« sagte Don Gustavo. So erobert er Amerika. Ich mag ihn sehr gut leiden, weil er ein prächtiger Kerl ist und in sieben Sprachen Düsseldorfisch spricht.

Quelle

https://www.projekt-gutenberg.org/ewers/meinauge/chap009.html




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