Ewers, Hanns Heinz - Deutsche Tippler am Golf

Irgendein kluger Mann, der zu gleicher Zeit ein Gelehrter und ein Dichter sein müsste, sollte einmal ein Buch schreiben über das merkwürdige Phänomen in der deutschen Volksseele: die Sehnsucht nach dem Welschlande. Seine Arbeit würde ihm lange Jahre kosten, sie würde bei den Zimbern und Teutonen beginnen müssen. Er müsste die Goten, die Heruler, die Vandalen berücksichtigen, die Rugier und die Longobarden, deren Einfälle unsere Schulweisheit lange nicht völlig begründet. Er müsste die alten Wikinglieder der Normannen studieren, die überströmen von Sehnsucht nach dem Südlande, und der Hohenstaufenkaiser geheimste Gedanken erforschen. Er müsste Friedrichs II. Pläne erkennen, dem Sizilien ein zweites und lieberes Vaterland wurde, er müsste hinabtauchen in die Seele Konradins von Schwaben, der auf der Piazza del Mercato für einen närrischen Traum sein junges Haupt auf dem Block liess. Oh, so vieles müsste dieser kluge Mann ergründen! Was Rubens zum Süden zog und weshalb Ulrich v. Hutten, der doch gewiss sein Vaterland liebte wie kaum ein zweiter, dennoch nie die geheimnisvolle Sehnsucht nach dem Welschlande los wurde. Er müsste Winckelmann auf seinen Reisen begleiten und Goethe; bei ihnen würde er gewiss manchen guten Wink finden. Die römischen Nazarener, Overbeck und seine Freunde müsste er studieren, und Feuerbach und Scheffel und Böcklin und Nietzsche – – und so viele noch!

Aber neben den vielen Namen von ewigem Klang darf er eins nicht vergessen: den gemeinen Mann. Er wird herausfinden, dass im Grunde die gewaltige Liebe dieser Grossen dasselbe ist, wie die merkwürdige, unerklärliche Sehnsucht unserer Handwerksburschen, von denen alljährlich Tausende über die Alpen ziehen, um das Land ihrer Träume kennen zu lernen.

Dann vielleicht wird dieser kluge Mann uns eine Erklärung geben können, für das geheimnisvolle Gefühl, das uns bei Mignons Lied erfasst:

»Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?«

Er wird uns die seltsame Sehnsucht verstehen lehren, die wir Deutschen empfinden, wenn wir nur die eine Zeile lesen oder singen hören:

»Dahin, dahin, möcht ich mit dir, du mein Geliebter, ziehn.«

– – Ich hatte auf der Schule einmal einen herzlich schlechten Geographielehrer. Trocken und arm gab dieser alte Mann seinen Unterricht, immer nach Namen fragend und Zahlen, immer nach dem, was jeder seiner Schüler in der nächsten Woche wieder vergessen musste. Und dann, eines Tages, kam Italien daran. Ich erinnere mich noch so gut: der Alte kroch in seinem abgeschabten Gehrock auf den Katheder und begann seinen Vortrag, während wir Jungens andere Bücher herausnahmen, um uns für die nächste Lateinstunde vorzubereiten. Plötzlich wurde ich aufmerksam, der alte Lehrer hatte von der »goldenen Sonne des Südens« gesprochen und in seinem Tonfalle lag eine solche Fülle von Liebe und Wärme, dass ich glaubte, einen ganz anderen Menschen vor mir zu haben. Ich hörte nun auf das, was er sagte; ein Hauch verträumter Phantasie und rührender Sehnsucht ging von seinem Munde aus, an dem meine Blicke hingen. Nach einer Viertelstunde etwa sah ich mich um, da bemerkte ich, dass fast alle meine Mitschüler ebenso angespannt lauschten, wie ich selbst.

Jahre später traf ich als Student meinen alten Lehrer auf einem Rheindampfer. Ich begrüsste ihn und konnte mir nicht versagen, ihm zu erzählen, welchen Eindruck er damals auf mich und die ganze Klasse mit seinem Vortrage über Italien gemacht habe. Und da erfuhr ich, dass der Alte nie in seinem Leben im Welschlande gewesen war! So tief ist eben die Sehnsucht nach dem sonnigen Süden in der deutschen Volksseele begründet, dass sie ganz allein imstande war, aus dem Munde dieses trockenen Pedanten urplötzlich eine farbenreiche, phantasievolle Schilderung hervorzuzaubern.

Alljährlich folgen viele Tausende Deutsche dem Drange dieser Sehnsucht. Die Reisenden der besseren Klassen beweisen im allgemeinen gar nichts für unsere Hypothese, denn einmal reisen sie auch in andere Länder, und dann finden wir auch die guten Klassen aller anderen Nationen überall in Italien herumreisen. Der Magnet der Renaissance, die Kunstschätze in den Museen, die Galerien usw. sind für sie mindestens so anziehend, wie die Schönheit des Landes selbst.

Die Handwerksburschen aber, die über die Alpen ziehen, sind alle Deutsche, nie finden wir einen Vertreter einer anderen Nation unter ihnen. Sie sind lebendige Zeugen für das Phänomen in der deutschen Volksseele; sie ziehen nach dem Welschlande, einem unbestimmten Drange folgend, getrieben von der alten unwiderstehlichen urdeutschen Sehnsucht nach dem Lande der Träume und der Wunder.

Wenn ich von Handwerksburschen spreche, so weiss ich sehr wohl, dass das Wort heute kaum mehr zutrifft. Kaum ein Fünftel dieser jungen Burschen hat ein eigentliches Handwerk gelernt, die meisten sind in irgendeinem Industriezweige tätig gewesen. Man könnte sie Tippler nennen – auch das ist nicht ganz richtig. Denn der eigentliche Tippler kommt nie mehr von der Walze weg, während diese jungen Leute sich ein, zwei, auch drei Jahre in Italien herumtreiben, dann zurückkehren und wie vorher ihrer Arbeit nachgehen. Während ihres Wanderns im Welschland allerdings sind sie richtige Tippler; sie wollen nicht arbeiten, würden übrigens auch herzlich wenig Gelegenheit dazu finden.

Neulich traf ich oberhalb von Sorrent einige dieser Burschen, die mich nach dem Wege zu dem alten Kloster »Il Deserto« fragten. Ich rief ihnen zu:

»Kunde Erkennungswort der Landstreicher. »Kenn Kunde!« ist die Antwort darauf.?«

Ein etwas zweifelhaftes Zögern, dann antwortete mir einer lachend:

»Kenn Kunde!«

Ich musste mich einige Zeit mit ihnen unterhalten, bis sie vertraulich wurden, dann gaben sie mir bereitwillig Auskunft.

»Na, wie lange seid ihr denn schon auf der Walze?«

Der eine war erst seit fünf Monaten von München fort, der zweite, ein Bremer, wanderte seit vierzehn Monaten, und der dritte, der schon über zwei Jahre lang sich in Italien herumgetrieben, war schon wieder auf der Rückreise nach dem Rhein.

»Ihr seid natürlich alle drei Ofensetzer?« fragte ich.

Sie lachten, als sie merkten, wie gut ich Bescheid wusste. Die Handwerksburschen geben nämlich, wenn sie von Behörden oder Privaten nach ihrem Gewerbe gefragt werden, mit Vorliebe irgendeine Arbeit an, die ganz sicher in Italien nicht benötigt wird, und der schöne Stand eines Ofensetzers erfreut sich daher ganz besonderer Vorliebe.

»Im Nebenamt bin ich auch ein Schneeschipper!« lachte der Münchener. Wir setzten uns hin, ich hatte eine Korbflasche Roten im Rucksack und einen Laib Brot, und die drei liessen sich nicht lange nötigen. Ich erzählte ihnen, dass ich einen dreitägigen Marsch vorhätte, auf den Monte Sant'Angelo, dann hinunter ans Meer bis nach Salerno und Pästum. Ich fragte sie, ob sie mit mir kommen wollten; sie sagten zu und ich hatte für ein paar Tage Fahrtgenossen, an die ich stets mit Liebe zurückdenken werde. – Es war eine Freude, zu sehen, wie unendlich viel besser diese armen Teufel das Land der Wunder und Träume kennen gelernt hatten, als so viele Reisende, die mit vollem Beutel und ziemlich leerem Kopfe dem Bädecker nachlaufen. Die vielen grossen Eindrücke, die die drei gesammelt, sind bleibende, sie werden sie ihr ganzes Leben hindurch begleiten. Wie der Rheinländer, der schon Sizilien durchwandert hatte, die Ruinen von Syrakus, den Dom in Palermo, seinen Aufstieg auf den Aetna, das Amphitheater in Taormina beschrieb, das war so lebhaft, so plastisch, dass man meinte, alles mit Händen greifen zu können. Und die Augen des jungen Müncheners leuchteten, als ihm der vom Niederrhein auf die Schulter klopfte:

»Ja, Jüngke, du has noch viel vor dich. Sperr nur die Augen auf!«

– – Kein Italiener hätte es gelitten, dass ich meinen Rucksack selber trug, die Deutschen dachten nicht einmal daran, ihn mir abzunehmen. Aber als wir zur Mittagszeit in Santa Agata ankamen und ich sie einlud, mit mir im Wirtshause zu speisen, da lehnten sie ab. Ich sollte nur ruhig essen, sie würden inzwischen herumgehen und sehen, ob sie irgendwo ein wenig Früchte und Käse bekämen. Offenbar waren sie im Zweifel, ob mein Beutel genügend gefüllt wäre, und wollten mir keinesfalls zur Last fallen. Und erst, als ich sie durch Vorzeigen einiger Papierscheine überzeugte, dass ich mir wirklich die Gastfreundschaft leisten könnte, nahmen sie an und waren die drei Tage meine überaus bescheidenen Gäste.

Der Rheinländer, der einen Teil des Weges schon einmal gewalzt war, zeigte mir an verschiedenen Häusern merkwürdige kleine Zeichen, die mit Rötel hingemalt waren, manchmal sechs bis acht an einem Hause, Kreuze, Herzen, Hacken, Sicheln, Kreise, Halbmonde.

»Dat da hann ich hingemölt!« sagte er stolz. »Heut brauche mer de Kram ja nich, aber sons sind se sehr jut!« Und er erklärte mir diese merkwürdige Zeichensprache. Wie der Kellner unbemerkt auf den Koffer des wegfahrenden Reisenden ein Kreidekreuz oder einen Kreidekranz malt, um ihn seinem Kollegen im nächsten Orte – je nach dem erhaltenen Trinkgeld – zu guter oder schlechter Behandlung zu empfehlen, so malen die Tippler mit Rötel ein kleines Zeichen an die Häuser, wo sie vorgesprochen und gefochten haben. »Gibt was!« bedeutet ein Herz, während ein Kreuz »Nichts zu machen!« bedeutet. Eine Sichel zeigt an, dass die Frau was gibt, wenn der Mann nicht zu Hause ist, eine Hacke, dass in dem Hause zwar nichts gegeben wird, man aber für irgendwelche Feld- oder Hausarbeit immer einige Tage Kost und Unterkommen findet. Ein Säbel besagt, dass der Hausinhaber auf alle Tippler schlecht zu sprechen ist und gleich den Gendarm ruft; ein Napf, dass man meist etwas übriggebliebenes Essen erhält. Der Halbmond zeigt an, dass in dem Hause irgendeine Frauensperson, Frau, Tochter, Magd sich befindet, die einem Landstreicher gern ein wenig Liebe schenkt. Der Kreis heisst: »Vorsicht vor bissigen Hunden!« So kennt dieser einfache Code der solidarischen Unsolidität in extremo, der Eingeweihten schätzbare Winke gibt und ihnen ihre Welschlandreise ausserordentlich erleichtert, noch manche seltsame Merkzeichen.

So ziehen diese Burschen durchs Land! Die Spargroschen, die sie mitbringen, reichen nie länger wie einige Monate; sind sie zu Ende, dann beginnt erst das rechte Leben der Landstrasse mit all seinen bunten Abenteuern. Sie fechten, mausen auch gerne Früchte vom Felde und von Bäumen – – wer nie als Junge einen Apfel gestohlen hat, der werfe den ersten Stein auf sie! Wenn es gar nicht anders geht, nehmen sie auch Arbeit an, um freilich bei der ersten Gelegenheit den Spaten oder die Hacke wieder mit dem Wanderstabe zu vertauschen. Nur einen schlimmen Feind hat der Handwerksbursche: Krankheiten aller Art, die bei dem aufreibenden Leben auf der Landstrasse und bei der oft ungenügenden Ernährung sich ja leicht genug bei ihm einstellen. Deshalb kennt er auch genau alle Hospitale im Welschlande, wo er Unterschlupf finden kann, wenn ihn »irgendwas packt«; namentlich die deutschen Krankenhäuser sind sehr beliebt bei ihm, weil er sich da als Rekonvaleszent immer noch leicht nützlich machen und einen kleinen Zehrpfennig verdienen kann.

Der wandernde Handwerksbursche in Italien ist mir ganz vertraut geworden, in meinen Erinnerungen an die schönsten Flecken und Plätze des Landes stelle ich mir immer einen blonden, deutschen Burschen in das Bild hinein, singend oder auch – träumend, je nachdem. Denn er ist der Repräsentant der grossen deutschen Sehnsucht nach dem Lande, wo »im dunklen Hain die Goldorangen glühn«, dem Lande, dessen Poesie erst dann recht schön wird, wenn es aus – – deutschen Augen betrachtet wird!

Quelle

https://www.projekt-gutenberg.org/ewers/meinauge/chap004.html




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