Ewers, Hanns Heinz - Wie ich Großgrundbesitzer wurde

Es gibt einige Krankheiten, die man selbst gehabt haben muss, um sie ganz begreifen zu können. Seekrankheit gehört dazu, Jähhunger, Heimweh, Bergfieber und Tropenanämie. Ich bin von diesen Genüssen immer verschont geblieben, aber ich habe sie oft genug bei anderen gesehen und gründlich beobachtet. Und trotzdem habe ich sie in ihren letzten Konsequenzen nie verstehen können. Was geht in dem Hirne der armen Dame vor, die tagelang bei herrlichstem Wetter unten in ihrer Kabine liegt, die längst nicht mehr Neptun opfern kann, da nichts mehr zum Opfern da ist und die nur ein Stossgebet nach dem anderen zum Himmel schickt, er möge doch das Schiff untergehen lassen? Was denkt der Herr, den die »Puna«, das Bergfieber, fasst, wenn er das Seil durchschneiden, sich von seinen Gefährten losreissen und mit Gewalt den Abhang hinunterspringen will? Was bildet sich wohl der arme Kerl ein, der an Tropenanämie leidet und immer nur schlafen, schlafen will, der den Tod sehnsüchtig herbeiwünscht, weil er sich da endlich einmal gründlich ausschlafen kann?

Alle diese Krankheiten sind im allerstärksten Masse ansteckend, keine aber greift in so verblüffendem Masse um sich, wie der Landhunger. Diese amerikanische Krankheit ist im allgemeinen schmerzlos, sie greift nur den Geldbeutel und die Nerven an. Eine Heilung an Ort und Stelle gibt es nicht, nur eine Rettung: schleunige Flucht nach Europa, dessen Klima den merkwürdigen Einfluss hat, alles das lächerlich und absurd zu machen, was man drüben als höchst selbstverständlich und natürlich hinnimmt.

Wenn man frisch hineinschneit nach Buenos Aires, lacht man nicht wenig über diese närrische Krankheit, die einem überall in die Augen springt. Immer wieder trifft man Bureaus von Landgesellschaften, die ihre Hausfronten zu grossen Schildern machen, auf denen das beste und billigste Land der Erde angeboten wird. Sandwichmänner laufen in starken Trupps durch die Strassen, auf ihren Tafeln zeigen sie die nächste grosse Landauktion in Chubut oder in Santa Fé an. Ueberall hängen Plakate mit Landangeboten, alle Zeitungen, Kursbücher, Adressen- und Telephonverzeichnisse sind voll von solchen Annoncen. So wird das Auge verführt, aber das Ohr wird nicht weniger belagert. Den Phonographen, die aus den Fenstern ihre Landofferten hinausschreien, kann man ja weglaufen, den Bekannten aber, die man in Gesellschaften, im Theater, im Restaurant, auf der Strasse oder im Kaffeehause trifft, kann man mit dem besten Willen nicht entgehen. Man kann sprechen über was man will, – in fünf Minuten handelt man doch mit Land. Und es nutzt nichts, dass man entrüstet aufsteht und andere Leute aufsucht, – da geht es genau ebenso zu. Ob man nun mit Katholiken, Protestanten oder Juden, mit Deutschen, Franzosen, Yankees, Skandinaviern, Italienern, Spaniern, Criollos oder Basken spricht, – in irgendeiner Sprache handelt man doch ganz gewiss mit Grundstücken. Mit den Deutschen ist es gewöhnlich so. Zuerst wollen sie einem zeigen, dass sie auch da drüben ihre geistigen Interessen bewahrt haben und durchaus auf der Höhe sind. Deshalb erzählen sie einem den neuesten Witz aus dem »Simplizissimus« oder sie kommentieren einen Aufsatz der »Zukunft« – auf diese Blätter sind sie nämlich abonniert. Damit aber glauben sie aller Höflichkeit durchaus Genüge getan zu haben; nun beginnt die Debatte, ob die englische Gesellschaft die gewünschte Konzession für die zweite Andenbahn erhalten wird, ob die Schiffbarmachung des mittleren Laufes des Pilcomayo in der Tat möglich sein wird, ob die bolivianische Regierung sich für das französische Bahnprojekt durch Matto Grosso oder für das englische durch Paraguay einsetzen wird.

Zu Anfang begreift man nichts von alledem. Aber es ist überraschend, wie schnell man Fortschritte macht; nach einer Woche schon redet man über Terrainspekulationen, als habe man sein ganzes Leben lang sich mit nichts anderem beschäftigt. Es ist fabelhaft, wie man es schon versteht, die Preise anzusetzen, wie herrliche Kalkulationen man machen kann, in welch verblüffenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen man exzelliert. Nach einem Monat schon besitzt man ein paar Dutzend Landkarten und macht kreuz und quer Striche hinein – die bedeuten die Eisenbahnen, die man bauen will.

Denn da drüben geschieht alles umgekehrt wie bei uns. Wir bauen eine Eisenbahn, wenn »das Bedürfnis da ist« und das »Bedürfnis« ist nach Ansicht der Regierung dann da, wenn sich die Linie unter allen Umständen glänzend rentieren muss. Die Gegend ist längst dicht bewohnt, das Publikum, alle Behörden, alle Blätter schreien nach einer neuen Bahnverbindung – dann erst, fängt die Regierung an, langsam zu »erwägen«. Sie erwägt jahrelang und sammelt eine ungeheure Menge von Material, das natürlich kein Mensch liest. Und dann, ganz allmählich, entschliesst man sich, hält ein paar Reden, weht mit ein paar Fahnen und tut den ersten Spatenstich. Da drüben ist's anders. Kein Mensch denkt an ein Bedürfnis – denn das ist nie da. Es soll erst geschaffen werden, eben durch die neue Linie. Ist erst eine Eisenbahn da, sagt man sich, dann kommen schon die Leute, dann wird aus Urwald Ackerland, dann wächst der Weizen da, wo Sumpfgras wucherte. Die Verbindung ist die Hauptsache, alles andere kommt schon von selbst. Es kommt auch schliesslich – aber bis dahin würden gewiss zehn kapitalkräftige Gesellschaften an der trotz enormer Preise unrentablen Bahn zugrunde gehen, wenn nicht die Herren Erbauer mit einem Faktor rechnen würden: dem Landhunger.

Im Grunde ist diese Krankheit ja nur eine andere Form unserer Spielwut. Wir spielen in allen möglichen Lotterien, spielen in Monte Carlo, an der Börse, im Skat und im Poker. Das tut man in Argentinien natürlich auch, und gewiss noch viel gründlicher als bei uns. Nur der Börse hält sich der Einheimische wenigstens ziemlich fern, da ja der gesamte Handel fast ausschliesslich in den Händen von Fremden liegt. Seine Domäne ist aber das Land, da wird er reich; kein Wunder, dass er längst alle Fremden, die ja auch nur reich werden wollen in diesem Lande, gründlich mit seinem Landhunger angesteckt hat. Das Geschäft entwickelt sich nun so, dass irgendein Konsortium irgendwo gewaltige Strecken Landes kauft, eben längs der von ihm projektierten Eisenbahn, für die nun die Konzession nachgesucht wird. Natürlich finden die Ankäufe möglichst geheim statt; wird dann die Konzession erteilt – wobei natürlich Minister, Senatoren, Deputierte auch viele Tausende verdienen –, so steigt der Preis des Grund und Bodens im Augenblick aufs Zehn-, ja aufs Hundertfache und das Geschäft ist von vornherein gesichert, mag die Bahn selbst noch so unrentabel sein. Der Witz des Einzelnen ist nun, alle die Vorgänge zu erfahren, die hinter den Kulissen spielen, herauszufinden, wer irgendwo bauen will und welche Aussichten dann die nachgesuchte Konzession hat. Sie hat immer gute Aussichten, wenn bar geschmiert wird; aber die Herren Abgeordneten und Beamten verstehen ihr Geschäft auch. Die, die nichts bekommen, spielen die Patrioten und entrüsten sich, dass man wieder den Fremden eine neue wertvolle Konzession »schenke«; so müssen häufig so viele Mäuler gestopft werden, dass der ganze Verdienst zum Teufel geht.

Land soll und muss jeder Mensch haben in Buenos Aires; jeder Zeitungsjunge und jeder Stiefelputzer spekuliert in Land. Man kann schon für einen Taler Land kaufen und das tut man auch. Zu sehen bekommt man sein Land freilich nie, hat kaum eine Ahnung, wo es so ungefähr liegen mag, aber das ist ja auch vollkommen unnötig, auf ein paar Tagereisen weit kommt es dem Menschen, der sie doch nicht reist, nicht an. Man hat Land »oben in Paraguay« oder »unten in Patagonien« oder sonst irgendwo. Je weiter es wegliegt von Buenos Aires, um so mehr hat man natürlich. Jeder weiss, dass sein Land »augenblicklich« keinen Heller wert ist, aber jeder hofft, dass es in zehn Jahren Hunderttausende wert sei. Denn, glauben Sie, die Eisenbahn – –

Herr Walter Bebe lud uns in sein Privatkontor. Wir kamen alle: Herr Ingenieur Baier, Herr Generaldirektor Schliemann, Herr Erich Cohnberg und ich; dazu noch ein paar andere Herren. Alle waren Kapitalisten, oder wenigstens angehende Kapitalisten, ich selbst rechnete seit vorgestern mich zu den letzteren, nachdem ich mir für zehn Taler einen Anteil in der totsicheren Neuquen-Landgesellschaft erstanden hatte. Herr Walter Bebe liess alle Sachen von seinem Tisch abräumen, dann breitete er eine sehr grosse und sehr schmutzige Pergamentkarte darüber aus. Wir waren alle Kenner und wir sagten alle: »Ah«, denn wir erkannten sogleich den ungeheuren Wert dieser Karte. Wir erfuhren nicht, woher er sie hatte – Herr Bebe hütete wohl sein Geheimnis – aber wir verstanden, dass sie uns alle im Augenblick zu Millionären machte. Es war die Handkarte (oder eine Kopie davon) eines englischen Ingenieurs, der im Auftrage eines Konsortiums die Möglichkeit einer Eisenbahntrace von Boliviens Hauptstadt durch Matto Grosso bis zum Atlantic untersucht und dabei natürlich ein Hauptaugenmerk auf die Brauchbarkeit des Geländes gelegt hatte. Hübsch grün war allerbester Boden eingezeichnet und alles Land gehörte noch den verschiedenen Regierungen. Das heisst, eigentlich gehört ja der Grund nie den Regierungen, er gehört seinen Eigentümern, den wilden Indianern, aber die kommen ebensowenig in Betracht, wie die Tiger und Gürteltiere: man ignoriert einfach ihre Existenz. Man ist sehr anständig und lässt sie einstweilen wohnen, wo es ihnen beliebt; sollte man, nach Jahrzehnten vielleicht, das Land wirklich einmal brauchen, so jagt man sie eben weg.

Der Ingenieur war von seiner Forschungsreise erst vor kurzem nach London zurückgekehrt; abgeschlossen und vergeben war also noch nichts, aber es war sehr wahrscheinlich, dass das Konsortium diese Route wählen und dann auch gewiss die Konzession bekommen würde, da man von vornherein so klug gewesen war, den bolivianischen Präsidenten und den Gouverneur des Staates Matto Grosso mit sehr erheblichen Gewinnanteilen in das Konsortium hereinzunehmen. Aus eben diesem Grunde aber waren die englischen Herren gezwungen, ihre Arbeiten sehr zu beschleunigen, denn wer konnte wissen, ob die beiden heute allmächtigen Herren im nächsten Jahre noch auf ihren Posten waren?

Das alles erzählte uns Herr Walter Bebe; er war auch über die Preise des Bodens sehr gut informiert. Sie betrugen eigentlich nur den Stempel, den die Regierungen – bezw. ihre Beamten – verdienen wollten, ein paar Taler für so und so viel Quadratkilometer.

Es war alles in Ordnung und wir konnten uns gleich konstituieren: »Terraingesellschaft Germano-Boliviana« nannten wir uns, da wir in Bolivien kaufen wollten.

Herr Walter Bebe wurde zum Vorsitzenden ernannt, Herr Cohnberg sollte als bevollmächtigter Vertreter gleich am nächsten Tage nach Bolivien reisen, um das gewünschte Land zu kaufen. Es war ja kein sehr grosses Stück Land, kaum so gross wie Bayern, und wir waren zu zehn Herren, die sich alle zu gleichen Teilen beteiligten; so habe ich schliesslich nicht viel mehr Land auf mein Teil bekommen als etwa die Rheinpfalz. Aber es ist doch immerhin etwas, und es gibt ja arme Leute in Deutschland, die in der Tat noch weniger Land haben. Uebrigens konnte ich bei weitem mein Geld nicht voll einzahlen, nur zwanzig Taler hatte ich noch flüssig. Aber die Gesellschaft bezahlte für mich, indem sie meine brauchbaren Eigenschaften als Schriftsteller voll und ganz einzuschätzen wusste. Ich bekam dafür die Verpflichtung auferlegt, in Deutschland in allen Blättern für das Land der »Terraingesellschaft Germano-Boliviana« eine weitgehende Reklame zu machen; denn wir wollen unser Land durchaus nicht allein behalten, sondern möglichst bald möglichst viel davon wieder möglichst teuer verkaufen. Ich nehme meinen Auftrag sehr ernst und gerade deshalb habe ich diesen Aufsatz geschrieben, den ich meiner Gesellschaft sofort nach Druck einsenden werde, damit sie sich von meiner Tätigkeit selbst überzeugen kann. Denn ich wünsche meiner Gesellschaft das allerbeste Weiterkommen, wohlverstanden der Gesellschaft, nicht etwa ihren Mitgliedern. Denen muss ich leider, so sympathisch sie mir auch sonst sind, nur wünschen, dass sie allesamt morgen früh das Zeitliche segnen! Warum? Nun, im Paragraphen 3 unserer Statuten haben wir festgesetzt, dass während des ersten Jahrzehntes der, der stirbt, von seinen Genossen beerbt werden soll. Wenn sie nun alle sterben, so beerbe ich sie, und das ist ein sehr gutes Geschäft. Ich hoffe dabei auf ihre eigene Mithilfe, es wäre ja reizend, wenn sie sich gegenseitig ein bisschen umbringen möchten – es liegt doch in ihrem eigenen Interesse! Und wenn ich einem von ihnen einen Brief schreibe über meine glorreiche Propagandatätigkeit für die »T. G. B.«, so vergesse ich nie, ein wenig zu hetzen. Ich weiss wohl, dass meine Wünsche nicht sehr moralisch sind, aber ich bin in dieser Beziehung zu entschuldigen; es ist krankhaft bei mir, pathologisch – ich habe den Landhunger.

Uebrigens bin ich auch bei der »A. T. O.« (Aberdeen Territorial Organisation), bei der »H. A. M.« (Hollandsch-Argentinsche Maatschapij), bei »U. C. I. P.« (Unione Cooperativa Italiano-Paraguaya) und bei sieben anderen Landgesellschaften beteiligt. Ich habe Anteile an Grundstücken in Minas Geraes, Petroleumfelder in Chubut, Boraxstrecken in den chilenischen Anden, Quebrachowaldungen im Chaco – alles in Gegenden, wo, glauben Sie mir, demnächst eine Eisenbahn hinkommt. Ich bin auf dem kürzesten Wege, Trillionär zu werden, ich bin jetzt schon in der grässlichsten Unruhe, wie ich es anfangen soll, nur meine Zinsen aufzubrauchen. Ich werde wahrscheinlich Berlin mit Goldstücken pflastern lassen müssen, anders ist es mit dem besten Willen nicht möglich.

Quelle

https://www.projekt-gutenberg.org/ewers/meinauge/chap009.html




Backlinks: Reportagen