Ewers, Hanns Heinz - Wie sich Bartel den Most holte

Papst Pius X., so berichten römische Blätter, schaut den kirchlichen Grössen, die gar zuviel weltlichen Gutes aufhäufen, scharf auf die Finger. So hat er dem Kardinal Rampolla, der als Grossprior des Maltheserordens die Kleinigkeit von dreissigtausend Franken bezieht, sein Kardinalsgehalt von vierundzwanzigtausend Franken gestrichen. Er hat ferner, was wichtiger ist, dem »berühmten Rechtsgelehrten« Don Bartolo Longo in Valle di Pompei die Verwaltung seines wundertätigen Madonnenbildes, das ihm jährlich viele Hunderttausende einbringt, abgenommen und sie den Dominikanern übertragen, »angewidert«, wie es heisst, »durch das marktschreierische Geschäftsgebaren des klerikalen Impresarios«. Don Bartel ist sofort nach Rom gefahren, um seine Sache selbst zu vertreten.

Dort, wo das Amphitheater des alten Pompei, fünf Minuten von dem bisher ausgegrabenen Teile der Totenstadt, sich in schweigender souveräner Grösse erhebt, lagen vor zwanzig Jahren ein paar Dutzend schmutziger Hütten, die – ein Hohn auf unsere Zeit – Neu-Pompei benannt wurden. Sie ahnten nicht, dass sie in kürzester Frist eine Berühmtheit erlangen sollten, die unter den Volksmassen aller katholischen Länder den Ruhm des antiken Pompei bei weitem überstrahlen würde. Bartolo Longo, ein »berühmter italienischer Rechtsgelehrter«, wie er sich selbst in seinen in etwa hundert Sprachen und Millionen von Exemplaren alljährlich in alle Welt hinausgehenden Traktätchen nennt, in Wahrheit ein echter und rechter napolitanischer Advokat, dem kein Mittel zu schlecht ist, um Geld daraus zu schlagen, hatte die Witwe des Grafen Fusco geheiratet, die in der Gegend sehr ausgedehnte, aber völlig wertlose Ländereien besass. Als er eines Tages spazieren ging und nachsann, wie er wohl am besten diese Grundstücke verwerten könne, kam ihm ein glänzender Gedanke, den er alsbald in die Tat umsetzte.

Freilich, er selbst erzählt in seinem »Vademekum« die Sache etwas anders! Der »berühmte Rechtsgelehrte«, heisst es da, wandelte eines Tages durch die Einöden von Pompei und sann nach, wie er wohl seiner Seele Heil erretten könne. Da hörte er die Stimme Mariens, die ihm zurief, er solle ihren Rosenkranz verbreiten. »Der grosse Ungläubige« – ist es nicht nett, so etwas von sich selbst sagen zu können? – sank in die Knie und schwor, dies Tal nicht eher zu verlassen, bis er die Andacht zu Mariens heiligem Rosenkranze verbreitet haben würde. Zu diesem Zwecke – Bartels Logik ist hier nicht ganz klar – kaufte er sich bei einem Trödler in Neapel für drei Franken ein Madonnenbild, das er in der verfallenen Kapelle von Neu-Pompei aufhängte. Das Bild erwies sich von Stund an als äusserst wundertätig; es begründete in allerkürzester Frist den Ruf des neuen Wallfahrtsortes. Die Heilmethode ist die denkbar einfachste. Man braucht nur ein geweihtes Zettelchen mit der Aufschrift »Madonna di Pompei« herunterzuschlucken, um sogleich von der erschrecklichsten Krankheit geheilt zu sein. Hat man gerade kein solches Zettelchen zur Hand, so genügt auch eine telegraphische Ueberweisung von zwanzig Franken an Herrn Bartolo Longo, um schleunige Heilung hervorzubringen. – Ich bemerke, dass ich mich bei diesen, wie bei allen anderen Angaben, streng an die Mitteilungen Bartolo Longos in seinen Traktätchen halte!

Also: Herrn Bartels Kauf war gut; er konnte schon nach einigen Monaten auf eine Reihe von Heilungen hinweisen, die die gesundgewordenen Kranken dem Madonnenbilde zuschrieben. So wuchs, dank einer eifrigen und geschickten Reklame, der Ruf des Bildes in erstaunlich kurzer Zeit: heute besuchen jährlich sechshunderttausend Pilger den Wallfahrtsort, während kaum der zehnte Teil von Fremden in demselben Zeitraum die alte Römerstadt besucht. Sempre avanti Savoia! Roms alter Glanz ist verdunkelt!

Aber Bartel war wirklich ein kluger Mann. Deshalb gründete er zwei Institute, von denen wenigstens das letztere ohnegleichen auf der Welt dasteht. Das eine ist ein Waisenhaus für Mädchen, das andere ein Heim für die unglücklichen Kinder von Zuchthäuslern. Und diese Anstalten sind mustergültig, wenn man davon absieht, dass die Kinder gut ein Drittel ihrer Zeit mit Beten und Lobsingen zubringen müssen. Die Knaben und Mädchen werden vorzüglich verpflegt, erhalten guten Unterricht in jeder Beziehung und erlernen ein tüchtiges Handwerk. Nun, sie verdienen diese gute Pflege und Erziehung auch reichlich, denn sie sind es, die als Lockmittel die reichsten Schätze in Bartels Kassen ziehen!

Die wohlgepflegte Landstrasse, die von Pompei nach Valle di Pompei führt, ist die belebteste in ganz Italien. Nie wird sie leer, Fussgänger folgt auf Fussgänger, Wagen auf Wagen. Zuweilen sieht man die Goldkarosse Don Bartels, von sechs prächtigen Rappen gezogen; er hält auf Würde, wie man sieht. In Neu-Pompei hat er auf seine Kosten einen Bahnhof errichten lassen, auch die Anschlussstrecke liess er anlegen. Hotels, Gasthäuser, Cafés, Läden aller Art sind in Valle di Pompei entstanden und alle sind – Bartels Eigentum. Er verkauft nämlich keinen Grund, er verpachtet ihn nur auf eine Reihe von Jahren, nach deren Ablauf er der Besitzer der darauf errichteten Gebäude wird. In der Mitte des Ortes, wo noch vor wenig Jahren die armselige Kapelle stand, erhebt sich die prunkvolle Basilika. Sie ist im Innern gewiss eine der reichsten Kirchen Europas, der prächtige Altar allein hat die Kleinigkeit von anderthalb Millionen Franken, die wundervolle Orgel über sechshunderttausend Franken gekostet. Ueber dem Hauptaltare hängt das berühmte Dreifrankenbild, für das heute jeder Juwelier gerne drei Millionen bezahlen würde. Ist es doch über und über mit grossen Brillanten bedeckt! Die ganze hohe Rückwand über dem Altare ist mit – goldenen und silbernen – Herzen, Armen, Beinen, weiblichen Brüsten usw. bekleidet, alles Weihgeschenke, Dankopfer für die Madonna.

Mit der Kirche sind die Geschäftsräume eng verbunden. Man tritt zunächst in die Weihgeschenkzimmer, die ein kleines Museum darstellen. Da ist ein Raum, dessen Wände mit Bildern ausgeschmückt sind, die in oft rührend unbeholfener Weise die wunderbaren Heilungen der Geber veranschaulichen. Weiterhin sieht man grosse Schränke voll goldener Messgeräte und Kelche, die mit wundervollen Edelsteinen besät sind, hunderte von silbernen Degenkoppeln und Epauletts, alte Familienschmuckstücke, Diademe, goldene Ketten und Armbänder. Man kommt ordentlich in Geberlaune, wenn man das alles sieht. In den Gängen, die zu den Schulklassen führen, sind die Verkaufstische aufgestellt. Da kann man Zigarrenschalen kaufen, mit dem Bilde der Madonna von Pompei geschmückt, ebensolche Briefbeschwerer, Federhalter, Salatlöffel und all den Tand, den man mit dem geistreichen Worte »Souvenir« zu bezeichnen pflegt. Und die Tische sind vom Publikum umlagert, das Geschäft blüht. Zettel mit dem Namen der Madonna gibt's gratis, bis zu zehn Stück. Wir kommen an den Schulklassen vorbei, deren Türen – ganz zufällig natürlich – weit offen stehen. Da sitzen die kleinen Mädchen in reinen Kleidchen auf ihren Bänkchen – – ach, und da blicken wir durch die Türe und bewundern die Herzensgüte Don Bartels. Man zeigt uns die Schlafsäle, die Turnzimmer, die Zeichenräume, die Musikzimmer und die Spielplätze. Wir geraten in ehrliche Begeisterung. Man führt uns durch die Fabriksäle und wir sind bass erstaunt, eine ganze Reihe ausgezeichneter Druckpressen zu finden. Wir stellen mit Genugtuung fest, dass fast alle Maschinen deutschen Ursprungs sind; nur eine einzige Linotypemaschine stammt von einer Mailänder Firma. Doch sagt uns einer der an ihr beschäftigten Leute, dass sie nichts tauge und dass sie ausrangiert würde, sowie der schon bestellte Ersatz aus Nürnberg eintreffe. – Bei der Gelegenheit: der ganz ausgezeichnete Knabenchor in der Kirche sang eine deutsche Preismesse » Salve Regina«. In diesen Sälen werden die tausend und abertausend Traktätchen hergestellt, die alljährlich von Valle di Pompei aus in die Welt flattern. Wir wundern uns jetzt nicht mehr, wenn uns Don Bartel erzählt, dass seine Zöglinge eine solche »Vorliebe« zu dem Druckerberuf haben, dass fast neun Zehntel von ihnen Drucker, Setzer, Falzer usw. werden wollen! Seine Pfleglinge sind also auch seine Mitarbeiter – ad majorem gloriam der Madonna von Pompei und zum nicht geringen Nutzen für Don Bartels Schatullen.

Don Bartolo Longo ist unermüdlich im Aushecken von neuen Ideen, die diesen beiden eng verbundenen Zwecken dienen sollen. Vor einigen Jahren hat er eine grosse Rosenkultur angelegt, und der Export der – natürlich wundertätigen – Rosen hat einen grossartigen Aufschwung genommen. Dann gründete er einen neuen »Gebetverein« zu Ehren des »Heiligen Joseph«, der auch nicht wenig Geld einbringt. Für zwei Soldi monatlich wird man Mitglied, gegen Zahlung von sechs Franken oder mehr lebenslänglicher »Gönner« des Vereins. Freilich sind die Vorteile nicht von der Hand zu weisen, werden doch alljährlich für die verstorbenen Mitglieder soundso viele Seelenmessen gelesen, während abwechselnd immer sechs Knäblein vor dem St. Josephsaltare in der Basilika für das Seelenheil der Mitglieder beten. Kein Wunder, dass der Verein seine Angehörigen nach Hunderttausenden zählt. Don Bartel, der Laie, hält gute Ordnung in seinem kirchlichen Hause. In grossen Sälen sitzen hunderte von Beamten, die die ungeheure tägliche Korrespondenz erledigen. Ein ausgesuchter Stab von Geistlichen, Priestern und dienenden Brüdern ist von Don Bartel angestellt. Er kennt den Geschmack des Publikums: seine Priester sind ausgewählt ehrwürdige Gestalten, in wundervoll goldgestickten Gewändern. Natürlich ist ihm jede Konkurrenz unangenehm, deshalb sieht man in Valle di Pompei sowohl auf den Strassen, wie auch in der Kirche und den Gebäuden überall Warnungstafeln, man möge nur ja nicht den umherstreifenden Bettelmönchen und Bettelnönnchen etwas geben, da diese mit seinem Werke nichts zu tun hätten.

In dem ganzen grossen kirchlichen Betriebe ist der »berühmte Rechtsgelehrte«, der Laie, unumschränkter Herr. Er hat es durchgesetzt, dass seine Anstalten der Aufsicht des zuständigen Erzbischofs von Nola entzogen wurden, so dass er direkt unter dem heiligen Stuhle steht. Alle Sendungen aus seinen Gründungen gehen unter seinem Namen, alle Briefe, Pakete, Geldanweisungen usw. sind an seine Person zu richten. Was aber die Hauptsache ist: alle Stiftungen, Legate, Vermächtnisse werden auf seinen Namen gemacht, und es sind, wie Herr Bartel selbst erklärt, schon sehr viele gemacht worden. Don Bartolo Longo erzählte mir, dass seine täglichen Ausgaben über fünftausend Franken betrügen; auf die Frage, wie hoch seine täglichen Einnahmen sich beliefen, gab er mir leider eine ausweichende Antwort. Dass von diesen fast zwei Millionen Franken jährlicher Ausgaben kaum der zwanzigste Teil auf seine Wohlfahrtseinrichtungen kommt, ist selbstverständlich; der Rest wird auf die ungeheure Reklame verwandt. Und danach mag sich die Phantasie des Lesers ausdenken, wieviel Don Bartel verdient und wie gewaltig sein Reichtum ist. Ich habe die feste Ueberzeugung, dass die Familie Longo-Fusco heute schon die reichste Italiens ist. Dabei ist Don Bartel ein unansehnlicher, schmutziger, schlechtangezogener Mann. In seinem ganzen Betriebe ist alles auf die Aeusserlichkeit berechnet, nur für seine Person lehnt er sie ab. Oder steckt auch darin eine schlaue Berechnung?

Der zehnte Pius ist angewidert durch das marktschreierische Treiben des »berühmten Rechtsgelehrten«. Das ehrt seine Gesinnung, beweist, dass er gesonnen ist, einen der übelsten Krebsschäden an dem Leibe der katholischen Kirche auszuschneiden. Er hat die Verwaltung von Valle di Pompei den Dominikanern übertragen. Nun, mir scheint, dass das leichter gesagt ist, wie getan. Denn Don Bartel ist Eigentümer, ist Besitzer; auf seinen Namen – und das ist die Hauptsache – sind alle Grundstücke, alle Legate und Erbschaften geschrieben. Wenn er nicht gutwillig nachgibt, wird den Dominikanern nichts anderes übrig bleiben, als samt der Madonna auszuwandern. Auch in der gesamten Bevölkerung, die natürlich ganz und gar von ihm abhängig ist und ihm allein ihren Wohlstand verdankt, hat Don Bartolo Longo einen mächtigen Rückhalt. Er hat die Macht und das Geld dazu, auch die nötige napolitanische Schlauheit und Rücksichtslosigkeit, um – er, der Laie – selbst dem heiligen Vater gegenüber seinen Willen durchzusetzen.

Quelle

https://www.projekt-gutenberg.org/ewers/meinauge/chap004.html





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