Huret, Jules - Göttingen. Die Studentenverbindungen

Statt sich wie bei uns nach Studienfächern zusammenzutun, — Jura, Medizin, Wissenschaften, Theologie, — verbinden sich die deutschen Studenten päle-mele zu Gesellschaften, die sie mit lateinischen Namen benennen: Saxonia, Hercynia, Bremensia, Brunsviga, Hannovera usw. usw. Diese Vereinigungen haben ein gewisses Etwas, das an Geheimverbindungen erinnert, und sind es zum Teil auch früher gewesen.

Die Jugend findet daran Vergnügen, sich ein wichtiges Ansehen zu geben. Da sie noch nicht imstande ist, sich unter der großen Masse hervorzutun, will sie wenigstens unter Kindern eine Rolle spielen. Daher rühren bei den Deutschen die bunten Mützen und bei besonderen Gelegenheiten die Schläger und die hohen Stiefel, die ihnen ein drohendes und furchterregendes Ansehen geben, was ja bekanntlich das Ideal aller schüchternen "Jünglinge ist.

Was die fleißig arbeitenden Studenten betrifft, so trinken sie wenig und sind daher keine echten deutschen Studenten.

Alle Verbindungen unterliegen sehr strengen Gesetzen. Einige derselben verlangen von ihren Mitgliedern vollkommene Keuschheit. Hat eines derselben gegen dieses Gesetz verstoßen, so ist er als Mann von Ehre gehalten, seine Schuld einzugestehen, und wird ausgestoßen. In anderen ist wieder das Hasardspiel untersagt. Wenn einer gegen diese Vorschrift verstößt, muß er es ebenfalls melden, worauf man ihm auf eine gewisse Zeit das Tragen der Couleur und das Teilnehmen an den Zusammenkünften verbietet.

Diese Zusammenkünfte gehören, wie das Trinken, während der ersten Semester sehr oft zu den Hauptbeschäftigungen der Studenten. Bei denselben wird vor allem darüber verhandelt, welche Verbindungen für die nächste Mensur herausgefordert werden und welche „Burschen“ sich am nächsten Freitag schlagen sollen.

Jede Verbindung umfaßt zwei Arten von Mitgliedern: die „Burschen“, die sich schon zwei bis dreimal geschlagen haben, und die „Füchse“, die sich noch nicht geschlagen haben. Die Füchse müssen den Burschen stets mit Ehrerbietung begegnen und ihnen unbedingt gehorchen.

Ich war bei der Hannovera zu Gaste, zu der seinerzeit Fürst Bismarck gehört hat!

Der größte Raum des Hauses — der, in welchem man trinkt, — heißt der „Kneipsaal“. An den Wänden prangen Silhouetten von allen Mitgliedern, die dem Korps seit dessen Entstehung „angehört haben: auch die von Bismarck, die man sofort an dem von roter, blau und gold betreßter Mütze gekrönten energischen Bulldoggenprofil erkennt. Auf dem Kaminsims stehen Bronzestatuetten von Wilhelm I., Bismarck und Moltke; daneben ein gewaltiges Bierseidel, das mir wie das Heiligtum des Hauses vorkommt.

Zwischen den Waffen, Wappenschildern,Stichen und Lithographien, die alle Wände schmücken, hängen hier und da große Pfeifen mit Porzellanköpfen und verschiedene ungeheure Hörner, aus denen die Studenten beim Wettrinken das Bier zu trinken pflegen... Diese Verbindungen werden von ihren Mitgliedern sehr ernst genommen. Ihr Sinn für Einigkeit und die sentimentalen Regungen, die sie nicht im Verkehr mit jungen Mädchen befriedigen, veranlaßt all diese jungen Leute, sich ihrer Gruppe mit wahrer Begeisterung anzuschließen.

Die „Couleur“ ihrer Verbindung ist in ihren Augen etwas Heiliges. Sie begeistern sich ganz aufrichtig für die Freundschaft unter „Couleurbrädern“, und für die Ehre ihrer Verbindung würden sie ohne Besinnen ihr Leben hingeben. Ihren ganzen „Idealismus“ legen sie in diese erste Hingebung ihrer jungen Seelen hinein.

Übrigens hat dieser „Idealismus“, von den sie so gern reden, sehr wenig Wert und verliert sich mit den Jahren: es ergeht ihm genau wie den ersten jugendlichen Liebesschwüren. Doch pflegen die „Brüder“ einander noch später, und oft sogar lebenslänglich nach besten Kräften beizustehen, wenn es ihnen nicht zu viel Mühe macht, und sich eine günstige Gelegenheit dazu darbietet. So kann es einem Professor, einem Arzt oder Rechtsanwalt passieren, daß irgend jemand sich bei ihnen einfindet, der sie mit „Du“ anredet und sich als Mitglied einer Saxonia, Hannovera oder Alemannia enthüllt, der sie früher einmal angehört haben. Dann müssen sie den Betreffenden freundlich aufnehmen, ihn zu sich einladen, in ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreise vorstellen und für ihn tun, was nur irgendwie ihrer Macht steht. Man versichert mir, daß diese Pflicht immer getreulich erfüllt wird... Aber das ist doch kein Idealismus mehr! Es ist der reinste, praktische Realismus, denn da jeder gehalten ist, dem anderen zu helfen, so haben alle den gleichen Vorteil bei der Sache, und das Gefühl streicht die Segel vor dieser utilitaristischen Solidarität. Es ist eine auf Gegenseitigkeit beruhende Gesellschaft für Protektion und Günstlingswirtschaft.

Die Reglements der Korps und Burschenschaften sind überaus streng. Es ist streng vorgeschrieben, daß man einander bei Begegnungen auf der Straße durch Abnehmen der Mütze zu grüßen hat. Ich habe schon erwähnt, daß dieser Befehl mit Emphase ausgeführt wird.

Abgesehen von den Krankheitsfällen muß jedes Mitglied bei allen Kneipen zugegen sein, und essen muß er allwöchentlich wenigstens viermal in Gesellschaft seiner Couleurbrüder. Es ist verboten, mit einer anderen Kopfbedeckung als mit der Korpsmütze auf die Straße zu gehen. Zeigt man sich in Begleitung weiblicher Wesen, so wird man streng bestraft: man verliert für mehrere Wochen das Recht, seine Korpsmütze zu tragen.

„Das ist eine harte Strafe“, sagte mir ein junger Korpsbursche der „Hannovera“, „man könnte es fast eine Schande nennen.“ Also etwas Ähnliches wie der mittelalterliche Bannfluch!

Der Tag eines Göttinger Studenten verläuft wie folgt: Zwischen sieben und acht Uhr, vorm Ausgehen, nimmt er seinen Milchkaffee ein. Dann geht er nach dem Ratskeller, wo er mehrere Gläser Bier trinkt und dazu ein wenig Wurst ißt: das ist der „Frühschoppen“ oder auch „Nationalschoppen“. Um ein Uhr ißt er bei seinem Korps zu mittag. Dazwischen wird er wohl auch dann und wann einmal in den Hörsaal gehen. Doch ist das nicht sicher, denn er muß sich im Rapier- und Säbelfechten üben, auch muß er den: Zusammenkünften, den Mensuren und Kneipen beiwohnen.

So kommt es, daß der Student über diesen Spielereien oft drei, vier oder gar fünf Semester verliert. Während dieser Zeit geben die anderen Studenten sich fleißig ihren Studien hin. Denn zur Ehre der deutschen Universitäten muß gesagt werden, daß Studenten, die verpflichtet sind, sich zu schlagen, doch immerhin in der Minderheit sind.

Die deutschen Konservativen billigen dieses Verbindungstreiben wohl hauptsächlich deshalb, weil es die Jugend von der Politik ablenkt und sie an Disziplin gewöhnt. Es ist den Studenten bei Strafe der Relegierung verboten, sich irgendwie mit Politik zu befassen. In diesem Alter pflegt man zu liberalen Ideen zu neigen, und diese werden von den fechtenden Verbindungen nicht etwa bestärkt, sondern bekämpft, denn die Mitglieder müssen unausgesetzt gehorchen und ihre ungestümen Regungen, wenn sie wirklich welche haben sollten, energisch unterdrücken. Ganz abgesehen davon, daß ihre Bereitwilligkeit, alle politischen Gespräche zu meiden, so lange sie Studenten sind, schon einen Grad von Fügsamkeit bekundet, der bei der freien und lebendigen französischen, und sogar bei der russischen Jugend, die die Seele der heutigen Fortschrittsbewegung ist, geradezu ein Ding der Unmöglichkeit sein würde. Ich habe versucht, einen oder den anderen Studenten in ein politisches Gespräch zu verwickeln. Ihre Unwissenheit ist rührend und ihre Gleichgültigkeit betrübend. Diese jungen Gehirne scheinen mir in tiefem Schlummer zu liegen. Trotz ihrer ernsten Mienen sind sie noch viel jünger, als ihr Alter. Der Gehorsam und die Disziplin, die man bewundert, wenn sie bewußt und verständnisvoll erscheinen und wenn ihr Zweck und Erfolg in Ordnung besteht, kommt mir in diesem Falle wie etwas geradezu Schädliches vor. Man verbietet ihnen, sich über Politik zu unterhalten, und sie gehorchen, ohne auch nur über die Berechtigung des Verbots nachzudenken. Und was ist die Folge davon? In einem Alter, das sie berechtigt, an die Wahlurne zu treten (ein Alter, in welchem unsere jugendlichen Südfranzosen sich in der Regel bereits für eine bestimmte Partei entschieden haben, der sie allerdings späterhin oft wieder untreu werden), sind es die jungen Deutschen zufrieden, sich — auf Befehl — allen begeisternden Problemen der Neuzeit zu verschließen. Und das würde schon allein genügen, um die politische Agonie des deutschen Volkes zu erklären.

Was ist ein Studentenduell? Und weshalb schlägt man sich?

Die Franzosen sagen: „Diese deutschen Studentenduelle sind die reine Kinderei. Die Leute sind so bepolstert und gepanzert, daß sie einander nichts tun können.“

Das ist leicht gesagt. Was mich betrifft, so habe ich hier so viel von diesen barbarischen oder vielmehr törichten Sitten gesehen, daß ich nur mit Schauder daran zurückdenke und nicht begreife, daß so etwas überhaupt in einem zivilisierten Lande vorkommen kann.

Eine 'Mensur wird als tapfere Tat angesehen, und die Narben als Zierden und Trophäen. Das deutsche Gretchen hört von ihrem Vater und Bruder — die natürlich auch Narben haben —, daß nur mit Narben versehene Jünglinge würdig sind, als Helden geliebt zu werden, und der junge Milchbart hat es daher sehr eilig, zum Helden zu werden und Blut zu trinken!

Ich habe wohl einem Dutzend solcher Zweikämpfe beigewohnt. Einmal erhielt einer der Paukanten gleich im ersten Fechtgang drei Schmisse; das Blut rann wie aus einer geneigten Kanne in ganzen Strömen bis auf die Stiefel des Verwundeten hinab. Die Mensur nahm ihren Fortgang.

„Weshalb hat dieser Student ein ledernes Futteral auf der Nase?“

„Weil er an der Stelle schon mehrere Schmisse hat, und man ihm bei weiteren Blessuren leicht die Nase durchschneiden könnte.“ Und richtig, schon im nächsten Gang attakkierte Saxonia die Nase der Bremensia. Ein Nachbar von mir rief lachend aus: „Die Nase! Die Nase !“

Die Sache ging weiter. Das Blut floß immer heftiger und lief dem Studenten in den Bart und in den Mund hinein. Er schnaufte laut, denn das Blut hinderte ihn am freien Atemholen. Ein Schmiß, der die Bogen der Augenbraue herniedersauste, hätte auf ein Haar die Brille zerschmettert; man nahm sie ihm ab, um festzustellen, ob das Auge verletzt sei. Mit seinem blutüberströmten Gesicht, seinen vom warmen Naß geblendeten Augen und roten Lidern, sah er aus, al$ ob man ihn bei lebendigem Leibe geschunden hätte, Niemand kehrte sich daran.

„Die sanften, verträumten Deutschen!“ sagte ich zu mir selbst. „Oh, Madame de Stael!“

Der Stahl tanzte um diese Hegelianerköpfe herum und drang erbarmungslos in die rosigen Wangen und blonden Schädel hinein. „Ach, ihre Liebe zur Natur!“

Alle Wildheit, die diesen jungen Männern innewohnte, trat je nach der Stärke ihres Temperaments und wahrscheinlich auch der Mischung ihrer Ahnen gemäß in die Erscheinung.

Als sich auf der Wange des einen Paukanten eine klaffende Wunde zeigt, wird die Mensur für beendet erklärt. Der Sieger ist ein Saxone: ein kleiner, untersetzter rothaariger Mensch, mit sehr weißer, mit Sommersprossen besäter Haut, grünlichen Augen und hartem Blick. Der besiegte Bremense hat den Mund voll Blut und spuckt es unaufhörlich aus. Der Paukarzt, der gerade mit einem anderen beschäftigt ist, läßt ihn stehen und befaßt sich mit diesem, dessen Wunden ernsterer Natur sind. Sein Hemd, seine Bandagen, sein Lederschurz, alles rieselt von dampfendem Blut! Seine Freunde drängen sich an ihn heran, lachen und schwatzen. Er selbst versucht zu scherzen. Aber das Sprechen macht ihm Mühe, denn das Blut rinnt aus der klaffenden Wange in den Mund und gurgelt. Einer trägt eine Schale mit Sublimatlösung herbei, ein anderer bietet dem Arzt mit einer Hand Verbandwatte an, während die andere Hand eine brennende Zigarre hält. Zu dieser allgemeinen Heiterkeit will auch ich mein Teil beitragen; deshalb deute ich mit dem Finger auf den Schmiß in der Wange, der ein wenig wie ein schiefgezogener Mund aussieht, und sage:

„Man sollte meinen, er hätte jetzt zwei Münder !“

Das bringt alle zum Lachen.

Als ich dieses abstoßende und stupide Schauspiel hinter mir hatte, freute es mich doch, daß ich ihm beiwohnen konnte, denn es war mir, als ob ich einen Einblick in das Seelenleben der Deutschen getan hätte.

Wenn sich wenigstens nur die dicken und vollblütigen Bestien schlügen! Aber nein; auch die Schwächlinge, auch schlafe Jünglinge mit schmalen Schultern und weichen Muskeln, die nach dem Blutverlust noch bleicher werden, sind entzückt, wenn sie es „den Großen“ nachmachen können.

‚Und nach dem Kampf stellt sich keine Freudigkeit ein, kein Rausch, — nicht einmal eine Erregung. Diese stämmigen Biertrinker und schwächlichen Füchse haben also nicht einmal die Entschuldigung, daß sie an diesem barbarischen Gebrauch und an der Wildheit und Gefahr ihre Freude haben. Die blasierten Zuschauer sehen geradezu gelangweilt aus, und was nun gar die Verwundeten betrifft, so machen sie den Eindruck, als ob sie ganz von den unnützen Schmerzen und der auf den Blutverlust folgenden Schwäche hingenommen wären. Wo bleibt da die Freudigkeit der Pflichterfüllung? Wo die Begeisterung über eine vollbrachte schöne Tat, das wonnige Empfinden eines befriedigten Instinktes, der Freudenrausch? Nicht einmal das sichtliche Vergnügen nach einer tüchtigen Dusche scheint vorhandenzu sein. Nein, diese jungen Leute kamen mir vor wie törichte, mürrische — und nur halb bewußte — Tiere, die in die eigene Falle hineingeraten sind.

Was bleibt denn nun übrig? Das stolze Gefühl, scharfe Streiche ausgeteilt und empfangen zu haben, ohne sich einer Lebensgefahr auszusetzen? Der erbrachte Beweis der eigenen Brutalität?

Ich glaube, daß es gerade dieser Mangel an Lebensgefahr ist, der dieser Sitte etwas so Abstoßendes und Rohes verleiht. Wenn ein Mann in einem wirklichen Duell dicht am Tode vorübergegangen ist, so empfindet er noch lange eine tiefe seelische Erregung, die sich je nach Temperament in größerer Ernsthaftigkeit oder Freudigkeit äußert, ihn aber immer entweder innerlich oder äußerlich anregt und ihm ein erhöhtes Gefühl von Lebensbewußtsein verleiht. Und das ist das einzige, was diese übrigens sehr törichte Sitte zu rechtfertigen vermag.

Hier ist davon keine Rede! Es gibt deutsche Studenten, die verschiedenen Verbindungen angehören und sehr befreundet sind, und die sich schlagen müssen, weil sie dazu ausgewählt wurden... Grenzt das nicht nahezu an Verrücktheit?

In Wirklichkeit gehorchen die Deutschen in diesem, wie in vielen anderen Fällen dem Gesetz der Vererbung und der Vergangenheit; sie schlagen sich aus Tradition, weil der Kampf nun einınal das brutale Ideal ihrer kriegerischen Vorfahren war. Und ein andermal veranstalten sie „Kneipereien“, weil ihre Vorfahren dem Trunke ergeben waren. Dazu kommt die Einfältigkeit der Jugend und der Umstand, daß sie es alle nicht erwarten können, als Männer betrachtet zu werden, — und die Tatsache, daß solche Zweikämpfe mit ihren Wunden und Blutverlusten bei den unüberlegten Frauen und Mädchen Entsetzen erregen, und daß ihre „Schmisse‘“ ihnen Gelegenheit geben, eine Pose anzunehmen und sich von diesen Gänschen bewundern und anstaunen zu lassen. Das sind nach meiner Ansicht die ganzen Ursachen dieser Mensuren.

Ich selbst erinnere mich noch heute, daß ich als Knabe die Verwunderung eines sehr schüchternen kleinen Mädchens von sieben Jahren zu erregen wünschte und meine Füße zu diesem Zweck durch den Rinnstein schleifte, weil ich mir einbildete, daß die Kleine dann denken würde: „Welche Kühnheit! Der hat doch vor nichts Angst!“ Dieser Gedanke erfüllte mich mit Wonne. Einer von meinen Schulkameraden, der noch dümmer war als ich, rannte mit dem Kopf gegen die Wand so arg er konnte und bis ihm die Tränen aus den Augen stürzten, und zwar lediglich, um seiner kleinen achtjährigen Freundin ein Schreckensgeschrei zu entlocken und ihre Bewünderung zu erregen!

Ich bin überzeugt, daß es ein ebenso törichtes Gefühl ist, das diese Kinder von achtzehn, zwanzig und zweiundzwanzig Jahren zu diesen barbarischen Mensuren antreibt. Sie wollen sich ein „Ritterliches“ Ansehen geben, wie sie es nennen.

Und das ist so wahr, daß die Göttinger Photographen die Schmisse der Studenten auf ihren Photographien bei der Retusche möglichst stark hervorheben! Und daß der Paukarzt recht große Nadeln nimmt, damit die Spuren derselben sichtbar bleiben. Wenn also die deutschen Frauen ‚diese dummen Ideen, die ihnen die Männer in den Kopf gesetzt haben, energisch abschütteln und gegen diese rohen Sitten protestieren wollten, so würden die Mensuren gar bald ein Ende nehmen.

Ein braver und jetzt ungemein friedlicher Mann, der ehemals zu einem Korps gehört hatte, erzählte mir mit wahrer Wonne von seinen: Gefühlen bei der Mensur:

„Stellen Sie es sich vor, Monsieur! Man sieht den Hieb niedersausen und darf sich nicht regen, darf nicht mit der Wimper zucken. Das Blut läuft einem über die Kleider und in die Augen, so daß man nichts mehr sehen kann! Und wenn man beim Empfangen des Streiches auch nur mit dem Kopfe gezuckt hat, wird man durch Entziehung der Mütze bestraft, bis eine neue Mensur die Schande abgewaschen hat. Zuckt man 'aber zum zweiten ‘Male, so wird man dimittiert, denn einen „Kneifer“ können die Korps nicht in ihrer Mitte dulden.“

Ich bemühte mich, ihm meinen Widerwillen begreiflich zu machen.

„Man könnte doch irgendein anderes Mittel ausfindig machen, um die Kaltblütigkeit zu fördern, da diese Kaltblütigkeit nun einmal eine nützliche Eigenschaft für alle Männer ist. Muß man sich denn gerade den Schädel spalten und drei Zähne ausschlagen lassen, wie der Student, den Sie 'mir vorhin zeigten? Gibt es nicht nützlichere und schönere Eigenschaften, die man diesen zukünftigen Richtern und Professoren beibringen könnte? Wenn Deutschland danach strebt, die Geschicke des zivilisierten Europas zu lenken, dann würde es gut tun, wenn es einmal hierüber nachdächte...“

Aber ich merkte wohl, daß ich tauben Ohren predigte.

Quelle

Kisch, Egon Erwin: Klassicher Journalismus.

https://archive.org/details/KlassischerJournalismus/page/n9/mode/2up




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