Kisch, Egon Erwin - Tote Matrosen stehen vor Gericht

Die öffentlichen Verhandlungen vor dem Seeamt sind gar so öffentlich nicht. Ein Hamburger Kollege, den ich danach fragte, wo das Seeamt sei, erklärte mir, er müsse sich in seiner Redaktion erkundigen; dann telefonierte er mir, es sei in der Seewarte. Das deckte sich mit der Aussage des inzwischen von mir interpellierten Hotelportiers, der seinerseits von einem Schutzmann erfahren hatte, es sei irgendwo in St. Pauli. Aber von der Seewarte wies man mich auf den gegenüberliegenden Hügel: ins Seemannsheim. Dort sind Matrosen, die sich anheuern lassen, und einer wußte, daß die Verhandlungen des Seeamts im Seemannsamt sind. Das ist wieder etwas anderes. Also zurück aus St. Pauli in die Admiralitätsstraße.

Im Seemannsamt hängen handgeschriebene, hektographierte, lithographierte und gedruckte Kundmachungen. Sie beziehen sich auf Strandgut, das geborgen und beim Strandamt abgegeben worden ist, Boote, Säcke, Balken, Anker, Schutenhaken, Benzinfässer, Pfähle. Auch die Kenntlichmachung unterschiedlicher Wracks und der angelegten Hebefahrzeuge ist angeschlagen, damit der Steuermann wisse, wie er bei Tag und bei Nacht auszuweichen habe. Und Todeserklärungen vermißter Matrosen … Wo die Verhandlungen des Seeamts sind, erfahre ich auch nicht gleich. Endlich weist mich ein Wachtmeister in den zweiten Stock. Auf dem Korridor warten drei oder vier Leute, und an der Tür des Zimmers, vor dem sie sitzen, ist angeschlagen, welche Verhandlungen heute sind. Ich trete ein, zum Erstaunen des Gerichtshofes, das sich zu Verdachtsmomenten erhöht, als ich anfange, mir Notizen zu machen. Aber die Verhandlung ist öffentlich.

Es handelt sich um den Tod des Matrosen Bendfeld vom Dampfer »Scheer« der »Hugo Stinnes AG für Seeschiffahrt und Überseehandel«. Dieses Schiff fuhr am 15. Mai 1924, von Ostasien kommend, im Tau des Schleppers »Geestemünde« in den Bremer Hafen ein, um den ihm zugewiesenen Liegeplatz einzunehmen. Hierbei hatte sich die Schlepptrosse an den Backbordanker festgehakt, und der dreiundzwanzigjährige Matrose Richard Bendfeld aus Benslow ging außenbords, die Trosse zu klaren. Dadurch, daß Bewegung in den Patentanker kam, schlugen die Flügel herum, und einer drückte den Kopf des Matrosen so heftig gegen die Bordwand, daß der Mann einen Blutsturz erlitt. Wenige Minuten später war er tot.

Zuerst wird der Kapitän vernommen. Er gibt die Personalien ab: Christian Georg Heinz Klaus Maria Höltring, achtunddreißig Jahre alt und so weiter. Dann schwört er bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, nichts als die Wahrheit, die reine, lautere Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen und nichts hinzuzufügen, so wahr ihm Gott helfe.

Der Direktor des Seeamts, der den Verhandlungsvorsitz führt, ein Herr in Frack und schwarzer Binde, neben dem die vier Beisitzer wie Schiffskapitäne aussehen und es auch sind, fragt den Zeugen:

»Haben Sie den Vorfall gesehen?«

»Nein, ich war auf der Brücke. Ich kam erst hinunter, als der Mann schon an Bord lag.«

»Wie lag der Anker?«

»Er hing etwas aus der Klüse.«

»Können Sie uns das aufzeichnen?«

Der Kapitän skizziert die Situation. »Bendfeld hatte sich rittlings auf den Anker gesetzt, und als dieser sich drehte, wurde er an die Bordwand geschlagen. So blieb er im Reitsitz auf dem Anker, als er schon Blut spie und vielleicht schon tot war. Man schlang ihm ein Tau um den Leib und zog ihn aufs Deck.«

»Wen trifft die Schuld Ihrer Ansicht nach?«

»Keinen. Wir waren acht Monate auf See gewesen, und Bendfeld war immer einer der arbeitswilligsten Matrosen. Niemand hat ihm Befehl gegeben, er war eben ein eifriger Seemann. Solche Leute findet man heutzutage selten. Schade um den Mann!«

Die Beisitzer nicken. Schade um den Mann! Acht Monate Fahrt, Gefahren, Ostasien, endlich im Hafen. Da dreht sich der Anker und schlägt ihn tot. Solche Leute findet man heutzutage selten.

Der zweite Offizier wird vereidigt. Wilhelm Hannes Matthias Eyben, achtundzwanzig Jahre alt. Er war zur Unfallszeit am Vordersteven und hat gesehen, daß das Schlepptau um den Anker verwickelt war. Aber er hat dem Bendfeld keinen Befehl gegeben, hinunterzuklettern.

Der Reichskommissar, ein alter Vizeadmiral, auch in Frack und schwarzer Binde, mischt sich in die Verhandlung. »Sie sollten eben sofort mit einer Stake das Seil lösen lassen. Ich will Ihnen das nur sagen, damit Sie nächstes Mal wissen, was Sie zu tun haben.«

Der Zimmermann Thias wird vernommen. Er gibt seine Personalien an: Heinrich Thias, zweiundzwanzig Jahre alt.

Vorsitzender (unterbrechend): »Haben Sie denn sonst keinen Taufnamen?«

Zeuge: »Jawohl, Heinrich Eduard Wilhelm Georg Otto Peter Annemarie Thias.«

Vorsitzender: »Sprechen Sie mir die Eidesformel nach: Ich schwöre …«

Zeuge: »Ich schwöre …«

Vorsitzender: »… bei Gott dem Allmächtigen …«

Zeuge: »Ich glaube nicht an Gott.«

Vorsitzender: »Dann lassen Sie ihn weg … daß ich nichts als die Wahrheit …«

Zeuge: »… daß ich nichts als die Wahrheit …«

Aber auch er kann nicht aussagen, ob Bendfeld den Befehl bekommen habe, außenbords zu steigen.

Nachdem der Schiffsarzt angegeben, daß Bruch der Schädelbasis den Tod herbeigeführt habe, zieht sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Nach fünf Minuten verkündet der Vorsitzende: »Der Matrose Richard Bendfeld ist am 15. Mai 1924 im Hafen von Bremen auf dem Dampfer ›Scheer‹ dadurch tödlich verunglückt, daß er mit dem Kopf zwischen Ankerflügel und Bordwand gequetscht wurde. Es trifft niemand ein Verschulden an dem Vorfall.«

Man geht ohne Pause in die nächste Verhandlung ein. Der am 14. Januar 1906 in Finkenwärder geborene Karl Meier, Matrose auf dem Heringslogger »Marie« (Eigentum der Kieler Hochseefischerei AG), ist am 9. April 1924 gegen elf Uhr nachts im Altonaer Fischereihafen über Bord gefallen und ertrunken. Von der Besatzung hat niemand den Unfall gesehen, weil Meier sich allein an Bord befunden hat. Als Zeuge wird der Oberwachtmeister der Sipo gerufen, ein sehr junger Mann, der an jenem Abend am Kai Dienst hatte und auf der »Marie« einen Matrosen bemerkte, der den Steuerbord-Feuerturm hinaufkletterte und hierbei in die Elbe fiel. »Ich verständigte sofort die Hafenpolizei, die mit Dienstbarkasse und Totenangel herbeikam und nach einer Stunde den Leichnam aus dem Wasser fischte. Der Arzt stellte den Tod fest.«

Vorsitzender: »Wie haben Sie sich das erklärt, daß der Mann auf den Feuerturm des Schiffes kletterte?«

Zeuge: »Dort wird der Kajütenschlüssel versteckt, damit ihn die Leute holen können, wenn sie nachts nach Hause kommen.«

Vorsitzender: »Und woher wußten Sie, daß der Mann betrunken war?«

Zeuge: »Das weiß ich gar nicht.«

Vorsitzender: »Aber es steht hier in dem Protokoll, daß Sie das angegeben haben.«

Zeuge: »Ein Hafenwächter hat mir das erzählt.«

Es wird festgestellt, daß der als Zeuge vorgeladene Wachtmann nicht erschienen ist. Das Seeamt vertagt die Verhandlung mit dem Beschluß, den Führer und einen Matrosen der »Marie« als Zeugen vorzuladen.

Der nächste Fall wird vorgenommen: Matrose Peter Paul Hans Beekinger ist am 20. Mai von einem herabfallenden Kranhaken bei Steinwärder getötet worden …

Ich packe meine Notizen zusammen und gehe. Ein Mann macht sich an mich heran. »Nichts Besonderes, was?«

»Oh, mich hat es schon interessiert.«

»Das war heute nichts. Tod von Matrosen im Hafen! Das kommt jeden Tag vor. Dreimal in der Woche wird solches Zeug verhandelt. Sie hätten vorige Woche dasein sollen! Da war ein Schiffszusammenstoß mit zehn Millionen Mark Materialschaden – das war interessant! Es wurden achtzig Zeugen vernommen. Aber wegen eines Matrosen kann man doch nicht soviel hermachen.«

Quelle

Kisch, Egon Erwin: Der rasende Reporter, 1925.

https://archive.org/details/KischGW05/page/n3




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