Leitner, Maria - Als Arbeiterin in einer Zigarrenfabrik

Tabakluft

Schon in einigen hundert Metern Entfernung spürt man sie. Sie ist bitter und ätzend. Je mehr man sich der Fabrik nähert, um so schärfer, dicker wird sie. Wenn man die Fabrik betritt, hat man das Gefühl: Hier kann man nicht atmen. Aber es ist doch angenehm zu wissen: Ich habe Arbeit gefunden.

Der Werkmeister führt mich in den unteren Arbeitssaal und erklärt mir, ich müsse erst Stripperin werden. Ich nicke verständnisvoll, um nicht zu verraten, daß ich keineswegs im Bilde bin. Doch scheint er das gar nicht von mir zu erwarten, denn er sagt: »Heute vormittag sollen Sie nur beobachten. Setzen Sie sich zu dieser Frau«, er zeigt auf eine umfangreiche und gutmütig dreinblickende Arbeiterin, »und passen Sie gut auf, wie die arbeitet.«

Ich setze mich auf eine Holzkiste, die als Sitzgelegenheit und gleichzeitig als Aufbewahrungsort für die aufzuarbeitenden Tabakblätter dient. Dann sehe ich mich um. Es ist ein langer, dunkler Raum mit niedrigem Balkengewölbe. Einige Fenster stehen offen, und die Natur, bestaubte Bäume, blickt zu uns herein, denn wir sind auf dem Lande.

Die Arbeiterinnen, man muß es gleich vorweg sagen, haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Statistinnenchor in »Carmen«. Es sind Frauen jeglichen Alters, alte Bäuerinnen, Slowakinnen, Ungarinnen, burgenländische Österreicherinnen in ihrer heimatlichen Tracht, mit Kopftüchern und weiten, langen Röcken, und junge Mädchen in tief ausgeschnittenen Kleidern, sorgfältig geschminkt.

Zum Teil sitzen sie vor Maschinen. Viele trennen mit der Hand den Stengel von den Tabakblättern, andere sortieren die schon zerschnittenen Blätter nach Größe, Farbe und Qualität.

Ich beginne nun vorschriftsmäßig die Frau neben mir zu beobachten. Sie arbeitet an einer Maschine. Sie faltet die Tabakblätter auseinander, hält den Stengel zwischen die Hauptschneidemesser, welche die Walze der Maschine zerteilen, und läßt die Blätter um die Walze laufen. Die Maschine verschlingt in rasender Schnelligkeit die Blätter. Wenn sie keine mehr fassen kann, werden die Blätter, die zerschnitten nun säuberlich übereinanderliegen, aus der Maschine genommen. Die Sache sieht riesig einfach aus. Ich glaube, ich könnte es der Frau gleich nachmachen.

Während sich ihre Hände unaufhörlich bewegen, spricht sie auch ebenso ausdauernd. Sie ist »erst« seit zwei Jahren in der Fabrik und ist nicht wenig stolz, daß sie trotzdem eine der besten Arbeiterinnen ist und zu denen gehört, die am meisten verdienen. Aber viel ist es nicht. Die Zigarrenmacherinnen, das ist etwas anderes, spricht die Frau weiter, die können viel verdienen, aber das dauert jahrelang, bis man es in der schweren Kunst des Zigarrenmachens so weit gebracht hat. Dann beginnt sie ihr Leben vor mir auszubreiten von ihrer Geburt bis zu dem heutigen Tag. Manchmal unterbricht sie ihre Erzählung mit der teilnehmenden Frage: »Ist Ihnen noch nicht schlecht?« Sie erwartet nicht etwa, daß ihre Erinnerungen eine so starke Wirkung auf mich ausüben könnten, sondern sie denkt an die Luft. Sie fühlte sich am Anfang drei Tage lang so übel, daß sie zu sterben gedachte, aber dann hatte sie sich doch an sie gewöhnt.

Bald kam auch der Werkmeister wieder und sagte mir leise, wie man zu einer Kranken spricht: »Wenn Ihnen schlecht werden sollte, gehen Sie nur gleich an die frische Luft. Sie brauchen nicht zu erschrecken, das kommt nur anfangs vor, später werden Sie sich gewöhnen.«

Ich beginne mich ungemütlich zu fühlen, denn ich merke, wie die anderen zu mir herüberblinzeln und mit Spannung den Moment meiner Niederlage erwarten.

Ich versuchte mich abzulenken und ging der Frau Tabakblätter holen. Sie lagen da in großen Körben. Aber als ich mich über sie beugte, nun, es war kein angenehmes Gefühl. Denn diese zusammengebundenen Blätter sind feuchtwarm, sie liegen zwischen nassen Tüchern, und sie atmen einen Geruch aus, der nur wenig Ähnlichkeit mit dem sogenannten aromatischen Duft einer Havanna hat. Ich hielt den Atem an und ging zurück mit dem Tabak zu der Frau.

Eine Arbeiterin ruft mir zu: »Na, haben Sie sich noch nicht erbrochen?«

Sehe ich denn so elend aus? Aber ich fühle mich gar nicht schlecht. Im Gegenteil, ich verspürte Hunger. Und unter allgemeiner Bewunderung aß ich Sandwiches und trank Milch. Am unangenehmsten aber empfindet man den Tabakgeruch, wenn man die Fabrik verläßt. Denn man nimmt ihn mit in den Kleidern und Haaren. Er dringt in die Poren ein. Man kann ihn nicht loswerden. Wir verbreiten Tabakgeruch. Die Menschen, die an uns vorbeigehen, wissen: Das sind die Zigarrenmädchen, die von der Arbeit kommen. Man hat ungefähr das Gefühl, eine wandelnde Zigarre zu sein. Eine, die Aversion gegen Zigarrengeruch hat.

Die zwingende Maschine

Nachmittags sollte ich mich nun an meine Maschine setzen und selbst Versuche machen. Es stellte sich bald heraus, daß ich nicht gut beobachten konnte, denn ich hatte nicht gewußt, daß die eigentliche Arbeit nur von dem linken Fuß verrichtet wird. Ich habe allerdings bemerkt, daß die Frau die Maschine mit dem Fuß in Bewegung setzt, aber die wichtige Funktion des linken Fußes ist mir entgangen.

Der Werkmeister beginnt mir die Konstruktion der Maschine in sehr volkstümlicher Weise zu schildern. Daß es sich um eine elektrische Maschine handelt, habe ich wohl bemerkt, ich konnte sogar sehen, daß der elektrische Strom während der Mittagspause von dreiviertel Stunde nicht ausgeschaltet wurde und die Arbeiterinnen, die sich kaum fünf Minuten Essenszeit gönnen, weiter vor ihren Maschinen saßen. So außerordentlich ist hier die Macht der Maschinen, denn mit Ausnahme der Lernenden wird nur im Akkord gearbeitet.

Ich setze mich also auch vor die Maschine. Der rechte Fuß muß sie in Gang bringen, der linke reguliert die Schnelligkeit. Schwer ist das nun nicht, und ich bekomme endlich Material, allerdings schlechtes, ziemlich kleine und etwas angefaulte Blätter, die einen wenig angenehmen Geruch verbreiten und zum Husten reizen.

Die Arbeiterinnen legen mir ans Herz, auf meine Hände achtzugeben, denn die Maschine schnappt leicht nach den Fingern, die sich unvorsichtig in allzu große Nähe der Walze wagen. Der Werkmeister dagegen ist mehr um die Sicherheit des Tabaks besorgt und macht längere Ausführungen darüber, daß die Blätter nicht zerrissen werden dürfen.

Endlich soll die Maschine ernstlich arbeiten, und ich erlebe die große Enttäuschung, daß manches einfacher aussieht, als es in Wirklichkeit ist.

Die Maschine schnappt nach den Blättern nicht in regelmäßigen Abständen, wie dies bei der Frau der Fall war, sondern wild packt sie die Blätter, rollt sie zusammen und kümmert sich nicht im geringsten um den Stengel, den sie doch auszuschneiden die Pflicht hätte.

Der Werkmeister besieht sich meine Arbeit und schildert in so lebhaften Farben die Leiden des unglücklichen Zigarrenrauchers, der das Pech haben wird, eine Zigarre zu erwischen, bei deren Herstellung ich tätigen Anteil hatte, daß ich meine ganze Kraft zusammenzunehmen versuche, um die Sache richtig zu machen.

Aber es scheint nicht nur auf den guten Willen anzukommen. Und mein linker Fuß vergißt fortwährend seine Pflicht, besänftigend und regulierend auf die Maschine einzuwirken, der gesetzgebende Körper zu sein, der dem Chaos Halt zu gebieten hätte.

Ich begehe die größte Sünde, die man in einer Zigarrenfabrik überhaupt begehen kann.

Meine Hände versuchen die Sünden meines linken Fußes gutzumachen und das Tabakblatt vor der zermalmenden Maschine zu retten. Das gelingt mir, aber nur, indem die Blätter zerrissen in meiner Hand bleiben. Ich versuche nun, meine Missetat zu verbergen, und werfe die verdorbenen Blätter einfach auf die Erde. Obgleich mich dabei eine Tafel groß und vorwurfsvoll ansieht: Jede Unze Aufmerksamkeit rettet ein Pfund Tabak. Es stellte sich auch bald heraus, daß es überhaupt keine gute Methode war, zu versuchen, meine Sünden auf diese Weise zu verbergen, denn etwa eine halbe Stunde vor Schluß standen alle Arbeiterinnen auf und begannen den Boden durchzusuchen. Die Stengel sammelten sie zusammen und legten sie auf die Kisten, die auf die Erde gefallenen Tabakblätter aber wurden sorgfältig aufgehoben. Nur kleinste Tabakkrümel durften ausgefegt werden.

Meine Nachbarinnen hoben die zerrissenen Tabakblätter, die nun schon einen ansehnlichen Hügel bildeten, mit wahren Schreckensrufen auf. »Wenn das der Werkmeister gesehen hätte! Das wäre überhaupt nicht auszudenken gewesen! Wie konnten Sie das nur tun?!«

Ich sah dann, daß jede den Haufen Stengel aufhob und in langer Prozession den Werkmeister passierte, der die Stengel genau durchsah, worauf sie erst weggeworfen werden durften. Als er zwischen den Stengeln ein einziges Tabakblatt entdeckte, machte er der sündigen Arbeiterin einen gehörigen Krach.

»Sehen Sie, sehen Sie, wie es Ihnen ergangen wäre«, sagte eine meiner Nachbarinnen. Mich gruselte es ordentlich. Ich wußte nun, ich hätte keine größere Sünde in einer Zigarrenfabrik begehen können.

Schicksale

Neben mir sitzt eine Frau, die den ganzen Tag ohne aufzublicken arbeitet. Wenn der elektrische Strom ausgeschaltet wird, ist sie verzweifelt. Sie möchte noch weiterarbeiten. Sie muß für ihr Kind sorgen, das drüben geblieben ist. Sie kam nach Amerika, weil sie in ihrer Heimat mit ihrem Kind zusammen hätte verhungern müssen. Hier lebt sie fast ausschließlich von Brot, Milch und etwas Gemüse. Für eine Bettstelle, die tagsüber von einem Nachtarbeiter besetzt ist, zahlt sie im Monat zwei Dollar.

Früher hat sie im Haushalt gearbeitet und da besser gelebt und mehr verdient. »Aber ich konnte nicht bleiben, sehen Sie«, spricht sie. »Es waren da zwei Kinder, und das eine, ein Mädel, war genauso alt wie mein Kind. Und dieses Mädel habe ich nun so gehaßt, daß ich Angst hatte, mit ihm allein zu bleiben. Wenn ich daran dachte, daß ich zu diesem Kind gut sein muß, dieses Kind pflegen soll, während meines fern von mir, fremden Leuten überlassen, lebt, hätte ich es erwürgen mögen. Ich wußte ja, das Kind kann nichts dafür, es ist unschuldig an meinem Unglück, und doch konnte ich mir nicht helfen; wenn ich allein mit ihm blieb – und wie habe ich die Frau gebeten, mich nicht allein mit den Kindern zu lassen –, dann saß ich vor dem Mädchen und hielt meine Hände dicht an seinem Hals und jammerte. Dann bin ich endlich fort. Ich wäre sonst sicher zur Mörderin geworden.« Sie beugt sich über ihre Maschine und arbeitet weiter, ohne aufzublicken.

Meine andere Nachbarin ist ebenso fleißig, aber sie arbeitet nicht im Fieber, sondern in gemächlicher Zufriedenheit. Sie ist genau so breit wie lang und sitzt vor ihrer Maschine wie eine auseinandergegangene Teigmasse.

Ihr Mann arbeitet auch in der Zigarrenfabrik. Bei der Präparierung der Tabakblätter. Er verdient gut, und auch sie ist mit ihrem Verdienst zufrieden. Sie arbeitet seit zwanzig Jahren in Zigarrenfabriken, in dieser seit zwölf Jahren. Sie hat immer die Stengel aus den Tabakblättern gelöst, früher mit der Hand. »Aber«, sagt sie, »im vorigen Jahr hat mich diese Arbeit doch angefangen zu langweilen.« Sie erhielt auch die gewünschte Abwechslung, und man hat sie vor die Maschine gesetzt. Sie sieht heiter und zufrieden in die Zukunft. »Wir haben keine Sorgen, und wenn mein Mann sterben wird, bekomme ich tausend Dollar.« Sie sagt das sehr triumphierend und hoffnungsvoll. Sie breitet die tausend Dollar gleichsam vor sich aus und genießt die Möglichkeit eines so großen Reichtums. Sie hat es mit dem Schicksal ausgemacht, daß ihr Mann zuerst sterben muß.

Die amerikanische Carmen

Die amerikanische Carmen trägt keinen Seidenschal, sondern kleine amerikanische Matrosenhütchen aus dem Fünf- und Zehncent-Geschäft. Seidenkleider ersteht sie bei den Ausverkäufen, deshalb vertieft sie sich während der Arbeitspausen in den Anzeigenteil der Zeitungen. Sie pudert und schminkt sich und benutzt ein starkes Parfüm. Aber der Tabakgeruch triumphiert über alle Wohlgerüche. Auf der Straße wird doch jeder wissen: Sie ist eine Zigarrenarbeiterin.

Ihre Zwillingsschwester ist Zigarrenmacherin. Sie ist die andere Carmen. Beide sind sehr blond, die eine von glänzendem, die andere von mehr stumpfem Blond. Ihre vom Tabak gebleichte Haut ist von krankhafter Blässe. Die anderen Mädchen beneiden sie sehr, denn sie können in ihrer Toilette große Mannigfaltigkeit entfalten. Da sie von gleicher Figur sind, tragen sie ihre Kleider abwechselnd. Auch die Escamillos fehlen nicht, der eine ist Aufseher, der andere Beamter in einer nahen Fabrik, sie holen sie des öfteren im Auto ab. Es kam deshalb zu einem Auftritt zwischen ihnen und ihren ständigen »boys«, besser gesagt Don Josés, die Arbeiter in einer Zementfabrik sind.

Der Zwischenfall wurde in der Fabrik ziemlich ausführlich besprochen. Meine dicke Nachbarin meint, daß sich das schon geben wird. Sie werden die »boys« zweifellos heiraten. »In der Jugend macht man halt Dummheiten«, sagt sie, während sie mit der Arbeit etwas innehält und versonnen vor sich hin lächelt.

Wahrscheinlich wird es also zu keiner Operntragödie kommen. Escamillo wird bald den aufdringlichen Tabakgeruch lästig empfinden, und dann wird Carmen Don José heiraten. Sie wird breit werden. Nach zwanzig Jahren wird die Arbeit vielleicht anfangen, sie zu langweilen. Dann wird man sie an eine andere Maschine setzen. Manchmal wird sie, wenn sie sich über die Maschine beugen wird, auch träumen: von der Lebensversicherungspolice ihres Gatten.

Maschinenstürmer auch heute

Das Zigarrenmachen ist ein »trade«, ein Gewerbe. Es gehört viel Übung und eine gewisse Fingerfertigkeit dazu, um es darin zu etwas zu bringen.

Zwischen je zwei »Zigarrenmacherinnen« sitzt eine Arbeiterin, die die Einlage, das »bunch«, das »Bündel« der Zigarre herstellt. Die Zigarrenmacherin aber umwickelt die Einlage mit den Deckblättern.

Die Maschinen, die bei dieser Arbeit benutzt werden, sind ziemlich primitiv, aber man beginnt schon überall, neue elektrische Maschinen einzustellen.

Bei dieser neuen Maschine nun können vier Arbeiterinnen zu gleicher Zeit arbeiten, und schon eine Anfängerin kann nach einigen Wochen Übung tausend Zigarren den Tag herstellen, während sie mit der alten Maschine nach so kurzer Lehrzeit nicht mehr als zweihundert Stück machen könnte.

Die alten Zigarrenmacherinnen, die nach jahrelanger Übung nicht mehr als sieben- bis achthundert Stück fertigstellen können, falls sie besonders geschickt sind, sehen mit Entsetzen die neue Maschine arbeiten. »Die Löhne werden gedrückt, man wird Arbeiterinnen entlassen, alles, was wir bisher mit vieler Mühe und Not erlernt haben, wird bald ganz überflüssig werden«, schwirrt es in der Luft.

Vorläufig arbeitet die Maschine noch nicht ganz tadellos. Sie verdirbt sehr viel Material, die Zigarren sehen nicht so sauber gearbeitet aus, sie hat einem Mädchen zwei Finger zerquetscht.

Aber später, wenn sie vervollkommnet wird?

»Am besten wäre es«, sagte eine Frau, »alle neuen Maschinen zu zerschlagen.« Aber nach einer Weile fügt sie hinzu: »Aber auch das würde uns nicht viel helfen.«

Wie eine Zigarre den letzten Schliff erhält

Ich weiß nicht, ob die leidenschaftlichen Zigarrenraucher gerne hören werden, welchem Verfahren die Zigarren ihre tadellose, geschniegelte Erscheinung verdanken. Es kommt nämlich des öfteren vor, daß die Zigarren, besonders an den Enden, die Maschine in ziemlich zerzaustem Zustand verlassen. In solchen Fällen dreht die Zigarrenmacherin die Zigarrenspitzen im Munde herum, worauf sich die Blätter vorschriftsmäßig anschmiegen. Eine einfache, wenn auch vielleicht nicht ganz hygienische Methode.

Der Aufbau eines Zigarrenkonzerns

Die Zigarrenfabrik, in der ich arbeite, liegt in Northampton; sie ist eine Niederlassung der General Cigar Company. Dieser Konzern besitzt an die siebzig Fabriken, die über alle Teile der Vereinigten Staaten zerstreut sind; meist wurden sie in kleineren Städten oder Fabrikdörfern errichtet.

Diese Dezentralisationspolitik verschiedener großer Industriezweige hat in Amerika ihre besonderen, wohlüberlegten Gründe. Erstens könnte ein Streik gleichzeitig in 70 Fabriken nur mit der größten Schwierigkeit organisiert werden. Das ist schon verschiedene Male bewiesen worden.

Aber sie hat noch einen ebenso wichtigen Grund. Die Fabriken suchen die Arbeitskräfte auf. Nicht nur Wasserkräfte, wie dies auch in Europa geschieht, sondern menschliche Arbeitskräfte. Die Fabriken der General Cigar Company sind zum Beispiel ohne Ausnahme in Städten mit großen Stahl-, Zement- oder anderen Werken, die ausschließlich Männer beschäftigen, errichtet. Die Zigarrenfabrik zum Beispiel kann hier genau berechnen, und der Umfang der Fabrik wird sich auch danach richten, wie viele Arbeitskräfte ihr zur Verfügung stehen werden. Denn die Frauen und Töchter der Arbeiter werden arbeiten müssen, wenn sie etwas für schlechte Zeiten oder Krankheitsfälle beiseite legen wollen.

Man wird diese Frauen natürlich billiger und länger arbeiten lassen können als in einer Großstadt, wo ihnen mehr Arbeitsgelegenheiten zur Verfügung stehen. Sie brauchen nicht soviel Zeit zu verfahren, das macht täglich bei jeder Arbeiterin zwei Stunden Arbeitsgewinn für den Fabrikanten. In New York arbeiten die Frauen durchschnittlich acht Stunden, in der Provinz zehn und noch mehr.

Oft erweisen sich die Fabrikleitungen besonders wohltätig den Arbeiterinnen gegenüber und lassen die Maschinen auch über die gesetzmäßig festgesetzte Arbeitszeit laufen. In der Zigarrenfabrik beginnen die Frauen schon um sechs Uhr zu arbeiten, obgleich die Arbeit »erst« um halb sieben beginnen sollte.

Da die meisten Fabriken ihre eigene Stromleitung haben, brauchen sie sich auch von den Behörden nicht kontrollieren zu lassen.

Während der längeren Arbeitszeit aber verdienen die Arbeiterinnen in der Provinz weniger als in kürzerer Zeit in den großen Städten. Auch die billigere Lebenshaltung auf dem Lande bedeutet Gewinn für den Fabrikanten.

Lächle und sei glücklich

In den Arbeitssälen aber steht eine Aufschrift. Nicht etwa, wie man meinen sollte, die Dantes vor dem Eingang zur Hölle. Nein, hier steht geschrieben: »Smile and be happy, it radiates« (Lächle und sei glücklich, es strahlt).

Quelle

Leitner, Maria: Eine Frau reist durch die Welt. 1932

https://www.projekt-gutenberg.org/leitner/frauwelt/index.html




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