Leitner, Maria - Entdeckungsreise in Britisch-Guayana, dem Diamantenland

Demarara, eine orientalische Stadt in Südamerika

Wo liegt eigentlich Britisch-Guayana? In Afrika? In Indien? Ach so, es ist in der Nachbarschaft Französisch-Guayanas, da, wo Cayenne ist, in Südamerika also, jetzt weiß man schon Bescheid.

Wenn wir aber Demarara, die Hauptstadt – nur im Lehrbuch heißt sie Georgetown, kein Mensch nennt sie so –, zuerst betreten, könnten wir bezweifeln, ob das wirklich Südamerika ist, nicht vielmehr Indien.

Inderinnen, umbauscht von weißen und farbigen Tüchern, gehen durch die Straßen. Männer, den Körper mit weißen, kurzgeschürzten Linnen bedeckt, unzählige Bettler, nur mit einigen Fetzen bekleidet, torkeln an den Arkaden entlang oder liegen auf der Erde. Ein mohammedanischer Priester mit brennendrotem Turban, Pumphosen und Jacke, seine Stirn ist mit lila Linien bemalt zum Zeichen seiner hohen Würde, liest mit lauter, singender Stimme aus dem Koran den vor ihm kauernden Zuhörern vor. Die »cookshops«, die Kochbuden der Ärmsten, locken mit indischen Aufschriften die Hungrigen in ihre dunklen Höhlen. Die dicken Inhaberinnen mit glänzend schwarzem Haar, silbernen Rosetten an der äußeren Nasenwand und klirrenden Armbändern, bedienen selber mit einer dicken Suppe ihre Gäste, verhungert oder, wenn man will, asketisch aussehende Inder.

In den offenen Geschäften unter den Arkaden beugen sich Silberschmiede über die Ohren- und Nasenringe, die Arm- und Knöchelbänder, die die Wohlhabenheit einer Inderin offensichtlich dartun.

In einem anderen Laden werden in bronzene Gebrauchsgegenstände Szenen und Gestalten aus der verlassenen Heimat gehämmert. Emaillearbeiter tragen mit unglaublicher Geduld Farben auf. Die Dosen, Vasen, Schalen sind für Fremde bestimmt.

Auf dem Markt ist das Leben noch lauter, das Durcheinander noch größer. Zwischen den Obstbergen wird viel Reis mit Curry feilgeboten, Süßigkeiten, aus Guava hergestellt, und alle Gewürze, die der indische Gaumen gewohnt ist.

Die Käufer sind unter den Marktbesuchern weniger zahlreich als jene, für die der Markt einfach ein gesellschaftliches Ereignis ist, das man mitmacht. Im Kreis hocken Männer und Frauen auf den Fersen und plaudern, oder wenn der Gesprächsstoff ausgegangen ist, bleiben sie stundenlang schweigend in dieser Lage, die nicht sehr bequem scheint.

Hier sieht man, daß Britisch-Guayana nicht nur indisch, sondern auch afrikanisch ist. Die Neger durchbrechen mit ihrem lauten Lachen die Gelassenheit der Inder.

Syrier weben bunte Teppiche und preisen gleichzeitig singend ihre Ware an.

Ein Alter, mit langem, weißem Bart, strickt mit Zehen und Fingern bunte Wollketten für die Mädchen, die gleich auf die Bestellung warten.

Im fliegenden Schönheitssalon lassen die Bettler ihren Bart stutzen und betrachten dann in einer Spiegelscherbe kritisch das Werk des Haarkünstlers.

Manchmal huscht ein Chinese in schwarzem Seidenmantel oder eine Chinesin mit einem riesigen Schirm durch die Menge. Diese Chinesen sind die Aristokraten unter der »farbigen« Bevölkerung Britisch-Guayanas, denn man läßt nur diejenigen in das Land, die über größere Mittel verfügen.

Wie die Neger nach Südamerika kamen, das wissen wir, das war noch in jenen barbarischen Zeiten, als Sklavenhandel erlaubt war. Wie aber kommen die Inder nach Südamerika?

Import indischer Kulis

Diese indische Kolonisation in Britisch-Guayana ist eine Sache neueren Datums. Im letzten Jahrzehnt fand ganz ohne Sang und Klang eine kleine Völkerwanderung statt. Heute sind weit über die Hälfte der Einwohner Britisch-Guayanas Inder. Allerdings ist dieses Land, das genau den Umfang von Großbritannien hat, mit etwa 400 000 Einwohnern, alle Indianer einberechnet, eines der am dünnsten bevölkerten Länder der Welt.

Als kurz nach dem Kriegsende die Zucker- und Reispreise in die Höhe schnellten, erinnerten sich die Engländer, daß sich die fruchtbaren, aber bisher gar nicht ausgebeuteten Ländereien in Guayana für die Zuckerproduktion besonders eignen würden. Aber erst müßte Urwald gerodet werden. Arbeitskräfte fehlen? In Indien gibt es genug Menschen. Man holt Kulis aus Indien.

Dieser Ausdruck »Kulis« ist offiziell. Die Inder in Britisch-Guayana werden überhaupt nur als Kulis bezeichnet. Das Wort Kuli ist in die englische Sprache übernommen und bedeutet soviel wie »farbige«, ungelernte Arbeiter. Die Inder sind aber gar keine ungelernten Arbeiter, es wurden nur solche hierher transportiert, die schon in Indien auf Zucker- oder Reisfeldern gearbeitet haben oder in Zucker- und Rumfabriken. Und doch Kulis.

Ja, nicht nur Kulis im Sinne des englischen Wörterbuches, sondern auch in dem extremen Sinn der Halbsklaven.

Denn diese Inder sind nicht frei, wenn sie nach Britisch-Guayana kommen, sie haben einen Fünfjahrkontrakt. Während dieser Zeit müssen sie die Arbeiten verrichten, die ihnen von der Regierungsstelle angewiesen werden. Sie müssen dort arbeiten, wohin man sie schickt, sie genießen keine Freizügigkeit, Entweichen von der Arbeitsstelle wird mit Gefängnis bestraft, auch Annahme einer anderen Arbeit. In den ungeheuren Urwäldern von Britisch-Guayana dürfen die »Arbeitgeber« nur Arbeiter einstellen, die eine von der Regierung ausgestellte Arbeitskarte besitzen, sonst werden auch sie bestraft.

Diese Maßnahmen sind alles andere als beliebt. Man braucht also nicht zu glauben, daß der Bürokratismus ein Vorrecht der zivilisierten Länder ist. Er herrscht auch im tiefsten Urwald.

Ich sprach schon von den vielen Bettlern, die den Straßen von Demarara einen so malerischen Anstrich geben. Man könnte erst annehmen, daß ihre phantastisch zerlumpten Erscheinungen ihre Zahl größer erscheinen lassen, als sie wirklich ist. Aber die kühlen statistischen Zahlen beweisen klipp und klar, daß der Augenschein nicht täuscht. Schon im Jahre 1928, als noch gute Konjunktur war, gab es in Demarara, einer Stadt von fünfzigtausend Einwohnern, etwa viertausend behördlich genehmigte Bettler. Heute, in der Krisenzeit, hat sich ihre Zahl mindestens verdoppelt, also ungefähr jeder sechste Einwohner ist ein konzessionierter Bettler.

»Ich war Kuli, habe in der Zuckerfabrik gearbeitet, sie ist geschlossen, es gibt keine Arbeit.« Die meisten sprechen etwas englisch.

»Können Sie denn nicht zurückfahren nach Indien?«

»Bin erst seit drei Jahren hier, Rückfahrkarte bekomme ich erst nach dem fünften Jahr.«

Ein anderer: »Ich bin seit sieben Jahren hier mit Familie. Nach fünf Jahren konnte ich statt Reisegeld Land bekommen. Den Rest sollte ich in Jahresraten abzahlen. Ich hatte eine Zuckerplantage, aber es ging gleich alles schief. Die Preise fallen, Zucker kann man überhaupt nicht verkaufen. Ich konnte nichts zahlen, ich habe alles verloren.«

Keine Arbeit in diesem Lande, wo doch soviel Raum ist und so wenig Hände? Nein, keine. Man muß die Produktion einschränken, es lohnt nicht, man läßt die Zuckerrohrfelder verkommen. Fabriken werden geschlossen. In den Lagerhäusern ist schon übergenug Zucker aufgestapelt, man weiß nicht, wohin damit. Es wird nichts anderes übrigbleiben, als ihn zu vernichten.

Und was geschieht mit den Kulis? Man hat allein im Jahre 1920 sechzigtausend Inder nach Guayana importiert, nur wenige sind nach Indien zurückgekehrt. Wer weiß, vielleicht werden die Zuckerpreise einmal in die Höhe gehen, vielleicht können sie ihr Glück auch anders machen. – Es gibt ja Diamanten und Gold, nicht nur Zucker in Guayana.

Wie werde ich reich und glücklich?

Es ist merkwürdig, in dieser Stadt der Bettler so viele große Aufschriften zu sehen, die alle von Diamanten, Gold, Edelsteinen sprechen. »Erste Britische Diamanten-Gesellschaft«, »Krakowsky Diamanten GmbH«, »Goldverwertungs AG«. Denn Britisch-Guayana ist wirklich reich, es ist nicht nur fruchtbar, hat nicht nur ungeheure, unausgebeutete Wälder, sondern auch viele Naturschätze. Neben Brasilien ist es das bedeutendste Diamantenland Amerikas.

»Seien Sie weise, versäumen Sie nicht, bei uns Ihre Einkäufe zu machen, wenn Sie Diamanten oder Gold graben wollen.«

»Die besten Ausrüstungen für Diamantengräber hier zu haben«, so und ähnlich locken Anzeigen.

Ich war also nicht einmal besonders überrascht, als sich im Hotel ein Herr bei mir melden ließ, der mir ohne viel Umschweife ungeheure Reichtümer versprach. In seiner Rede glitzerten nur so die Diamanten und blinkten die Goldberge. Der Fremde sah exotisch und interessant aus, ein Inder, aber in der weißen Tropenkleidung der Weißen.

Leider stellte sich zu schnell heraus, daß er nur ein Fremdenführer war, doch bereit, eine Expedition für mich nach den Diamantenfeldern auszurüsten. Er würde alle Formalitäten erledigen, Diamantengräber für mich verdingen, ein Boot chartern, einen Kapitän und Mannschaften heuern. Er wollte alle nötigen Werkzeuge besorgen, Waffen und Munition, Zelte und Lebensmittel, er berechnete, wieviel Biskuits und Salzfische, wieviel Konserven, Mehl und Zucker ich mitnehmen müßte. Ich hätte selbst weiter nichts zu tun, als in Diamanten zu wühlen. Nach vier Monaten könnte ich als mehrfache Millionärin nach Europa zurückkehren.

Welche Aussichten! Ich sah mich schon in Hamburg mit Säcken voll Diamanten landen.

Ja, und die Kosten? Der Inder rechnete und rechnete. Etwa zweitausendfünfhundert Dollar müßte ich schon anlegen, um reich zu werden, wirklich nicht viel. Er konnte auch gar nicht begreifen, daß ich diese glänzende Gelegenheit nicht ergriff. Ganz unglaubwürdig schien ihm, daß ich eine so kleine Summe nicht besaß.

In Britisch-Guayana haben die europäischen Touristen – sie sind eine große Seltenheit – denselben Ruf wie die Amerikaner in Europa. Niemand will es glauben, daß ein Europäer, der überhaupt auf die Idee verfiel, nach Britisch-Guayana zu kommen, nicht sehr reich sei. Dagegen sind die Amerikaner aus den Staaten und aus Kanada ganz gewöhnliche Erscheinungen. Sie verbringen sehr häufig ihre Ferien hier. Es werden Touristenfahrten mit Aufenthalt im Hotel veranstaltet. Der Rum ist berühmt, in dem Hotel ersten Ranges gibt es eine große Auswahl von Cocktails, und jeder bekommt soviel Highballs serviert, wie er nur wünscht. Das allein ist schon eine achttägige Seereise wert.

Der Inder sah mich immer noch vorwurfsvoll und traurig an.

Wirklich, warum soll man leichtsinnig dem Glück aus dem Wege gehen?

»Wo ist denn der Abfahrtshafen der Diamantensucher?«

»Der ist in Bartica, eine Tagesfahrt von Demarara entfernt.«

»Und das kostet?«

»Ungefähr 10 Dollar mit der Eisenbahn.«

»Glänzend, soviel kann ich noch für Glückssuche erübrigen. Wenn ich dann in Bartica viele erfolgreiche Diamantengräber treffe, mache ich auch unbedingt eine Expedition. Wenn ich mit Bestimmtheit sehe, daß ich auf diese Weise Millionärin werden kann, würde es mir vielleicht möglich sein, die nötigen Mittel aufzutreiben.«

Der Inder zog unzufrieden ab.

Die Fahrt nach dem Diamantenhafen

Als ich den Essequibofluß mit der Fähre überquerte und die Bahnstation erreichte, konnte ich die erste Freude darüber erleben, eine einfache Reisende und nicht eine Diamantensucherin zu sein.

Eine Menschenmenge in den Tropen wirkt nie phlegmatisch, aber eine so ungeheure Aufregung, wie sie auf dem kleinen Bahnsteig herrschte, kann man sich schwer vorstellen. Brüllend und heulend versuchten die Negerträger unförmiges Gepäck zu verladen, wo doch einfach kein Platz vorhanden war. Reisende suchten laut jammernd ihre Gepäckstücke, die in alle Winde verstreut herumlagen. Ich hatte nur eine Reisetasche mit, sie wurde ein wahres Kampfobjekt der zahllosen Träger; es war ein Wunder, daß sie doch noch zu mir gelangte. Es meldeten sich auch dann mindestens ein Dutzend Leute um Trinkgelder.

Es war Anfang der Hauptsaison im Gebiete des Mazaruni. Die Regenperiode hatte eben aufgehört, und die Zeit für die Fahrt auf den Flüssen war jetzt die günstigste.

Der Zug war überfüllt, die wenigen Weißen waren Vertreter der Diamantengesellschaften, Angestellte einer Bauxit-Gesellschaft und Missionare, die in weit abgelegene Indianerdörfer fuhren. Die »Farbigen« waren nicht nur Diamanten- und Goldgräber, sondern auch Plantagenarbeiter, es fuhren auch mehrere Frauen mit.

In meinem Abteil saßen auch zwei Indianer, die nach Hause fuhren. Ich habe einen von diesen letzten Mohikanern schon im Hotel gesehen, wo er »echte« indianische »Curios« verkaufte. Die »Andenken aus der Wildnis«, »giftige« Pfeile und Kopfschmuck, sind beliebt, doch werden sie so schlecht bezahlt, daß die Indianer sie in Warenhäusern kaufen müssen, die diese wieder aus Fabriken aus Amerika beziehen.

Einer der Missionare, der neben den Indianern saß, die mit ihm nicht ins Gespräch kommen wollten, begann nun mich über mein Reiseziel auszufragen. Als er hörte, daß ich in Bartica im Hotel wohnen wollte, fand er das den Gipfel aller Abenteuerlichkeit. Kein »besserer« Fremder wohne dort, besonders wenn er noch obendrein eine Dame sei. Er wolle mir eine vornehmere Unterkunft besorgen.

»Ist die auch wirklich soviel besser?«

»Ja, da hätten Sie viel mehr Komfort, und auch die Umgebung wäre weniger gefahrvoll.«

»Und wo soll das sein?«

»Im staatlichen Zuchthaus am anderen Ufer des Mazaruni gegenüber Bartica. Sie wären dort sicher gut versorgt.«

Ich dachte erst, der Missionar habe jenen englischen trockenen Humor, der auch von dem österreichischen Blödeln nicht zu übertreffen ist. Aber davon war keine Rede. Dieses Zuchthaus diente wirklich alleinstehenden Damen oft als Quartier. Man bekam zum Frühstück den echtesten englischen »porridge« (Hafergrütze) und nahm an der Andacht mit den Zuchthäuslern teil. Trotzdem wollte ich es mir noch überlegen.

Die Ankunft in Bartica verlief ebenso dramatisch wie die Abfahrt in Demarara. Endlich aber landeten ich und meine Zehnpfund-Reisetasche im »Grand Hotel Bartica«, eben in jenem Hotel, in dem abzusteigen dem Missionar so unschicklich schien. Die Hotels in den amerikanischen Tropen sind selten eine reine Freude für Menschen mit empfindlichen Gehörnerven. Sie sind so gebaut, daß auch dem Gast, der sich auf sein Zimmer zurückzieht, kein Laut und kein Wort entgeht. Es gibt meist Rabitzwände und keine Fenster, dafür aber mindestens zwei Türen mit offenen Jalousien. Die amerikanischen Drahtmoskitonetze sind hier wegen ihres hohen Preises nur wenig bekannt, dafür aber breitet sich über das Bett ein mehr oder (meist) weniger weißes Moskitonetz. Im »Grand Hotel Bartica« nun waren alle Unvollkommenheiten in höchster Vollkommenheit vorhanden. Der Stimmenaufwand der Gäste bewies, daß sie gewohnt waren, im Urwald Tiger zu überbrüllen. Das Moskitonetz verriet die reichste Vergangenheit.

Man weiß nie im Leben, wonach man noch Sehnsucht haben könnte. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, daß ich mir einmal heftige Vorwürfe machen würde, warum ich doch nicht lieber ins Zuchthaus von Bartica ging.

Der Mann, der wegen ungebührlichen Benehmens im Urwald Strafe zahlen mußte

So laut es in der Nacht im Hotel zuging, so ruhig war es am Morgen, das Haus war wie ausgestorben. Die Diamantengräber waren schon am Hafen, um ihre Weiterfahrt vorzubereiten, oder sie schliefen ihren Freudenrausch aus über ihre Rückkehr in die Zivilisation.

Nur ein einzelner Mann, ein Neger in mittleren Jahren mit rotunterlaufenen, tränenden Augen, saß an einem Tisch, anscheinend hier vergessen, noch seit gestern abend. Er redete halblaut vor sich hin. Erst bei schärferem Zuhören enträtselten sich seine Worte als eine Kette von sich wiederholenden Flüchen: »Donnerwetter, Kreuzsakrament, verdammt noch einmal, Himmelkreuzteufel, verfluchte Pesthölle, Satansgesindel, dreckige Saubande.«

Das war also zweifellos einer jener Männer, durch die nach Ansicht des Missionars das Zuchthaus ein angemessenerer Ort für Damen wurde als dieses Hotel.

»Jetzt hör mal auf.« Die Negerbedienerin versuchte vergeblich, ihm bessere Sitten beizubringen. Er fluchte weiter, allerdings in einem sehr leisen und sanften Ton.

»Laß mich doch, das habe ich mir vorgenommen, das habe ich mir geschworen, wenn ich aus dieser Hölle von Urwald, von diesem Schweinehund von Sklaventreiber mal loskomme, dann tue ich 24 Stunden lang nichts als fluchen. Hier ist wenigstens ein netter Ort, hier kann man fluchen, ohne Strafe zahlen zu müssen.«

»Das bilde dir nur nicht ein, wenn du das Maul nicht halten willst, kannst du hier auch ins Kittchen kommen.«

»Unsinn, du willst mir was vormachen. Aber hier, sieh mal her, hier steht es schwarz auf weiß, ich habe Strafe gezahlt, einen Dollar Strafe, weil ich ein bißchen den Mund auftat und Bescheid sagen wollte dem Kerl, der im Urwald den großen Herrn spielen wollte. Einen Dollar Strafe wegen ungebührlichen Benehmens, und zieht sie mir einfach vom Lohn ab, eine gute Idee. Ich bekomme für den ganzen Tag für die Hundearbeit von frühmorgens bis in den Abend fünfundsechzig Cent, aber wenn ich den Mund mal aufmache, kostet es einen Dollar. Nicht übel, was?«

Ich bat ihn, mir den Zettel auch zu zeigen.

Er wird sofort von geradzu weltmännischer Liebenswürdigkeit und überreicht mir mit einer Verbeugung das merkwürdige Dokument aus dem Urwald, das schon Spuren vieler interessierter Finger aufwies. Es ist eine Abrechnung, lautend auf den Namen John Day, eine Abrechnung über drei Monate Arbeit auf den Diamantenfeldern. Hier steht: 90 Tage à 65 Cent = 58 Dollar 50 Cent. Die Ausgaben lauten: 10 Dollar Vorschuß, 15 Dollar Geldanweisung an Frau, zweimal je ein Tabakpaket à 3 Dollar, ein Hemd 4 Dollar und zuletzt 1 Dollar Strafe wegen Gebrauchs lästerlicher Sprache.

»Ich arbeite von morgens um sechs bis zur Dunkelheit wie ein Tier und bekomme dafür fünfundsechzig Cent. Wenn aber dem Herrn meine Sprache nicht gefällt, kostet mich das einen Dollar. Nein, zum Teufel auch, Donnerwetter noch einmal, diese Welt ist nicht in Ordnung.«

»Du hättest dich beschweren sollen, alter Knabe, so was braucht man sich doch nicht ohne weiteres gefallen zu lassen«, sagt ein Neuankömmling, dem man anmerkte, daß er sich soeben in dem Schönheitssalon von Bartica herrichten ließ, so eindringlich roch er nach Brillantine und Patschuli.

»Hab ich doch sofort getan, ich lief stundenlang durch Gestrüpp zum ›Ward‹ (dem Regierungsaufseher im Urwald), ich habe alles erzählt, wie es war. Das Fleisch, das ich bekommen habe, war schlecht, und ich sehe nicht ein, warum ich dem alten Gauner meine Meinung vorenthalten sollte. Er hätte eins in die Fresse verdient und nicht liebliches Säuseln. Was aber sagte der ›Ward‹? Mensch, wenn du nicht gleich aufhörst, bekommst du noch einen Dollar aufgebrummt. Wenn mir noch einmal jemand erzählt, im Urwald kannst du wenigstens tun, was du willst, dem sag ich Bescheid.«

»Warum gehst du auch als ›labourer‹, als Tagelöhner, in den Urwald, das würde mir auch nicht passen.«

»Und ich möchte kein ›pork-knocker‹ sein, ich habe schon so manchen gesehen, der halbverhungert die Tagelöhner um einen Bissen angebettelt hat.«

»Aber ein ›Schweineklopfer‹ hat wenigstens Grips in den Adern, der wagt etwas, es kann schiefgehen, aber er kann auch mal Glück haben.«

»Vom Schiefgehen könnte ich dir mehr Geschichten erzählen.«

»Aber ich weiß auch einige vom Glückhaben.«

Tagelohn, Tribut, »claim«.

Das Diamanten- und Goldgraben im Urwald ist alles andere als ein freier Beruf. Die Hecke der Gesetze umgibt jeden Stein, jeden Fußbreit Land. Auch das menschenleere Dickicht ist kein Niemandsland.

Um im Urwald Glück zu haben, genügt es keineswegs, ein entschlossener Abenteurer zu sein. Auch hier ist die Hauptsache Geld.

Die als Tagelöhner Arbeit nehmen, haben bestimmt keines. Als Kontraktarbeiter in die Diamantenfelder zu gehen, passiert nur einem, dem nicht viel Schlimmeres passieren kann. In Britisch-Guayana liegen die Diamanten ziemlich an der Oberfläche. Man erzählt sich viele Fälle, wo sich einer nur bücken mußte, um einen Diamanten in die Hand zu bekommen. Aber es ist beschwerlich, oft lebensgefährlich, gerade zu den besten Diamantenfeldern zu gelangen. Wasserfälle und Strudel müssen bezwungen werden.

Die Kontraktarbeiter haben an den Diamantenfunden keinerlei Rechte, sie werden streng kontrolliert. Ihr Tagesverdienst ist zwischen fünfzig und achtzig Cent. Außerdem ist ihr »Arbeitgeber« verpflichtet, ihnen eine bestimmte Lebensmittelration zur Verfügung zu stellen.

Sie bekommen wöchentlich ein Pfund Salzfleisch, zwei Pfund Zucker, drei Pfund Mehl, anderthalb Pfund Reis, etwa ein Pfund Erbsen, ein Pfund Schweinefleisch, ein Pfund Biskuit und sieben Rillen Schokolade, manchmal auch statt Schokolade Kaffee oder Tee. Freilich ist es kein Wunder, wenn die Lebensmittel manchmal verdorben sind. Der Transport ist lang, und wir sind in den Tropen.

Die Kontraktarbeiter können sich zusammen einen Koch oder eine Köchin halten, die sie aber selbst bezahlen müssen.

Ihre Lebensmittel dienen auch vielfach als Tauschobjekte, und es kann vorkommen, daß einer für Mehl einen Diamanten bekommt. Meist aber sind sie froh, wenn sie Schnaps oder Kautabak dafür erhalten.

Ein Kontraktarbeiter, der vor Ablauf des Kontraktes seinen Arbeitsplatz verläßt, kann sofort verhaftet werden und wird mit sechs Monaten Gefängnis bestraft. Aus der Ferne sieht es romantischer aus, Diamantengräber zu sein.

Die »pork-knockers«, die Schweineklopfer, wie sie im allgemeinen genannt werden, entsprechen schon eher den Vorstellungen von Abenteurern. Was ist eigentlich »pork-knocker«? Auch die ältesten Schweineklopfer wissen nicht, warum sie so heißen, der Ausdruck ist allgemein üblich, aber keiner konnte mir den Sinn erklären. Schweineklopfer, sie klopfen den harten Boden, das ist vielleicht das Schwein. Ganz offiziell heißen die »pork-knockers« »tributors«. Der Sinn ist hier schon klar. Sie arbeiten auf einem »claim«. Für die dort gefundenen Diamanten zahlen sie dem Besitzer Tribut. Dieser Tribut ist ziemlich verschieden, zwischen fünfzig und achtzig Prozent müssen sie abgeben. Die »pork-knokkers« dürfen keinen Diamanten aus dem Bereich ihres Urwaldbezirkes hinaustragen, sie müssen die gefundenen Diamanten sofort den lizenzierten Diamantenaufkäufern abgeben.

Die »pork-knockers« bekommen weder Lohn noch Lebensmittel. Wie aber kommen sie denn in den Urwald ohne Geld? Meist besteht ihr Vermögen aus einem »mining-privilege«, einer Grabungserlaubnis, die sie für einen Schilling bekommen können. Dieses »Privileg« gibt ihnen das Recht, aber noch nicht die Möglichkeit, »pork-knocker« zu sein.

Die Möglichkeit verschaffen sie sich anders. Wenn sie sich als Ruderer auf einem Correal, das nach den Diamantenfeldern fährt, verdingen, können sie nicht nur umsonst die Fahrt mitmachen, sondern erhalten auch für zwei Wochen die gesetzlich vorgeschriebene Lebensmittelration.

Trotz der schweren Arbeit auf dem Boot müssen sie soviel Lebensmittel wie möglich absparen, damit sie für den Anfang im Urwald zu essen haben. Dann aber müssen sie sich beeilen, Diamanten zu finden, sonst bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu verhungern. Der »pork-knocker« läuft ein Risiko, vielleicht hat er Glück, und er findet die großen Diamanten, die ihm viel Geld bringen. Hat er kein Glück, ist es möglicherweise sein Ende. Diamanten oder das Leben!

Ja, und die »claim«-Besitzer. Das zu werden, schlug mir der Inder vor, so wird man reich.

Man braucht nicht unbedingt Tausende zu haben, um stolz von sich sagen zu können, ich bin Besitzer eines »claims«. Ausgerüstet mit einer »prospecting licence« (einer »Absichts-Lizenz«), die man für fünf Dollar beim Grubendepartement erhält, kann man in den Urwald ziehen, sich ein Stück noch freies Land von bestimmter Größe aussuchen, umzäunen und darüber eine genaue Beschreibung dem Grubendepartement einschicken. Wenn man dem Gesuch fünfzehn Dollar beifügt und sich das Land als wirklich frei herausstellt, ist man »claim«-Besitzer für ein Jahr.

Man kann aber auch auf eine viel weniger romantische Art »claims« erstehen. So wie in Berlin alte Kleider versteigert werden, so versteigen man in Demarara verfallene »claims«. »Claims« mit recht merkwürdigen Geschichten, die nicht gerade von Reichtum und Glück erzählen. Die »claims« berechtigen keineswegs zu einer vollen Ausnützung des gemieteten Landes, es gibt Gold- und Diamanten-, Edelholz- und sogar Orchideen-»claims«. Ein »claim« kann auch ohne weiteres verfallen, wenn das Land an Konzessionäre vergeben wird. Eine Konzession schlägt alle »claims«. Petroleum, Bauxit, Balata und Kohle dürfen nur durch Konzessionäre ausgebeutet werden. Auch der glückliche »claim«-Besitzer ist nur ein sehr kleiner Mann im Urwald.

Die Geschichte von dem Mann, der auszog, das Gruseln zu lernen

Nachdem ich mich an den Lärm im Hotel gewöhnt hatte, war ich ganz zufrieden, nicht im Zuchthaus zu wohnen.

Die Diamantengräber sind Arbeiter, die unter besonders schwierigen Verhältnissen ihr bißchen Brot verdienen. Die Erzählungen über die Trinkgelage und ihr sinnloses Geldverschleudern entpuppten sich als sehr übertrieben. Sie gaben natürlich lärmend ihre Freude kund über ihre Rückkehr in die Zivilisation. Jene, die wieder auszogen in den Urwald, konnten nicht genug hören über das Leben dort.

Freilich gab es auch manchen, der mehr trank, als ihm förderlich war, aber auch das hatte meist seine besonderen Gründe.

Da gab es einen stämmigen Neger mit einem nervösen Tick. Sein Kopf schüttelte sich in einer immer wiederkehrenden Bewegung. Er erzählte folgende Geschichte:

»Ich war vier Monate lang auf einem ›claim‹ an dem oberen Mazaruni als Kontraktarbeiter. Es war eine lange und schwierige Hinfahrt. Wie lange sie dauerte, weiß ich nicht mehr genau, aber es waren mindestens zehn, zwölf Tage. Ich saß am Ruder, abends schmerzten meine Arme, daß ich sie kaum bewegen konnte. Als mein Kontrakt ablief, wollte ich gleich zurück. Mein Arbeitgeber wollte mich auch nicht länger behalten und gab mir keine Lebensmittel mehr. Aber kein größeres Boot fuhr nach Bartica. Nach meinem Kontrakt mußte ich meine Rückfahrt selbst bezahlen, aber der Boß war verpflichtet, mir Beförderungsmöglichkeit zu geben. Da sagte er mir, ich gebe dir ein Kanu leihweise, und du übergibst das Boot in Bartica meinem Agenten. Er verlangte von mir dafür auch Leihgeld. Das Boot war alt und schon beschädigt, die Ruder halb zerbrochen. Ich sagte mir, mein Junge, du siehst dir mal erst das Boot an, bevor du losgondelst.

Ich stieg in das Boot und wollte die Ruder ausprobieren, aber nur dicht am Ufer bleiben. Plötzlich, bevor ich noch recht zur Besinnung kam, geriet das Kanu in einen Strudel. Ich verlor die Ruder, und das Boot sauste stromabwärts. Es war unmöglich, das Boot irgendwie zum Stehen zu bringen, denn schon näherte es sich den Wasserfällen. Weißzischend fiel das Wasser in die Tiefe; ich dachte, es ist mein Ende. Ich lag langgestreckt im Boot und klammerte mich an die Planken, ich wollte nichts mehr sehen, unten auf den Felsen muß diese Nußschale zerschellen. Die Flut schlug über mir zusammen, ich hörte das Brausen und Heulen des Falles. Ohne daß ich es wußte, versuchte mein Körper das Kanu ins Gleichgewicht zu bringen, um es vor dem Umkippen zu bewahren.

Dann merkte ich, daß das Rauschen leiser wurde, ich war dem Wasserfall entronnen.

Ich wollte versuchen, das Ufer zu erreichen, aber schon tauchte der nächste Wasserfall auf.

Wie ein Pfeil lief das Boot in den nächsten Wasserfall, aber wieder war ich gerettet. Ich öffnete nicht mehr die Augen, meine Ohren wurden taub, so flog ich mit dem Boot immer weiter. Mensch, dachte ich nur, du bist verloren. Keine Lebensmittel, keine Möglichkeit, irgendwie zu halten, ich versuchte immer wieder zu berechnen, wie lange die Hinfahrt gedauert hat. Waren es vierzehn Tage oder zwölf, vielleicht auch nur zehn? Aber es war eine lange, beschwerliche Fahrt. Werde ich nun verhungern, oder wird das Boot zerschellen? Später erzählte man mir, daß mehrere Boote vorbeifuhren, man mir zurief und zuwinkte und mir helfen wollte, aber niemandem gelang es, in meine Nähe zu kommen, und ich sah und hörte nichts.

Als ich wieder wagte, mich umzusehen, war es schon ganz dunkel; nur eine dünne Mondsichel stand am Himmel, das Wasser umtobte mein Kanu, als heulte es vor Wut, daß es mich immer noch nicht vernichten konnte.

Ich glaube, ich bin dann ohnmächtig geworden. Als ich wieder zu mir kam, sah ich Menschen um mich. Das Boot lag jetzt ruhig auf dem Fluß, der breit war und glatt, ich erkannte die Gegend wieder, das war ja schon die Nähe Barticas. Wie konnte ich, ohne etwas zu mir zu nehmen, mich tagelang auf dem Boot festhalten? Aber da erfuhr ich, daß diese tolle Fahrt kaum 24 Stunden gedauert hat. Das ging schneller als die Hinreise.

Aber ich mußte tüchtig eins trinken, um mich wieder zu erholen. Das war mein größtes Pech, denn in drei Tagen hatte ich nicht einen Penny mehr von dem Geld, das ich in vier Monaten verdient hatte. Jetzt muß ich zurück in den Urwald, ich kann mich doch nicht ganz ohne Geld zu Hause zeigen.«

Die Geschichte von dem Mann, der im Glück Unglück hatte

Unter den Diamantensuchern war ein Mulatte von besonders heller Haut, mit grauen Augen, dessen Hände allein die Merkmale afrikanischer Abstammung zeigten: eine blaßrosa Handfläche, die von dem viel dunkleren Handrücken abstach.

Diese Hände lenkten durch einen merkwürdigen Schmuck die Aufmerksamkeit auf sich. Auf dem linken Ringfinger war ein Kieselstein mit dickem Bindfaden befestigt, allerdings erfuhr ich bald, daß der Kieselstein in Wirklichkeit ein roher Diamant war.

»Der Kerl hat Schwein, wohin er auch geht, immer findet er Diamanten. Er hat sich diesmal das Geld schwer zusammengescharrt für ein ›claim‹, aber es ist ihm wieder gelungen, er hat für sich Diamanten gefunden.«

Außer dem ungewöhnlichen Ring merkt man nicht viel von dem Reichtum des von allen beneideten Glückskindes. Er ist barfuß, und seiner Kleidung sieht man viele Unbilden des Urwaldes an.

»Den hätten Sie 1923 sehen sollen, da war er wirklich groß, er hatte Lackschuhe und einen Ring mit einem richtig blitzenden Brillanten. Überhaupt das Jahr 1923, damals war es schön hier, da hatten die Diamanten noch einen Wert. Ladys kamen aus England und gingen auf die Diamantensuche und britische Offiziere. Damals war es ein großes Geschäft. Den Betrieb hätten Sie hier sehen sollen. Wir hatten echten französischen Champagner auf Lager. Ich habe an einem Tage mehr Whisky verkauft als jetzt in Wochen. Ja, das waren Zeiten.« Der Wirt lächelt wehmütig.

»Wenn man mir für meinen Diamanten nicht mehr zahlen will, behalte ich ihn lieber und trage ihn so«, sagt der Mulatte. »Bald wird man von uns verlangen, daß wir die Steine der Regierung schenken und noch was draufzahlen.«

»Ich sage eben, 1923, das waren andere Zeiten.«

»Aber Pech hatte ich auch damals.«

»Mensch, du, dem die Edelsteine geradezu nachlaufen.«

»Jawohl, die Steine, die meinen es gut mit mir, aber nicht die Gesetze. Was ich auch tue, die werden mein Pech. Seit 1920 bin ich Diamantensucher. Ich habe lange und schwer gearbeitet, bis ich herausfand, wie man sich auf den Diamantenfeldern im Urwald zurechtfindet. Ich merkte aber auch, daß nicht die Schwerarbeiter viel verdienen, sondern die Aufkäufer. Ich dachte mir, wenn ich nur etwas Geld habe, könnte ich auch so schlau werden wie die, aber da habe ich mich schön verrechnet. Als mir im Urwald einmal Indianer Gold und Diamanten anboten, dachte ich mir, was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Habe anständig bezahlt, war nicht so knickerig wie die Aufkäufer, aber immerhin, es wäre ein gutes Geschäft gewesen, wenn mir nicht die Regierungsaufseher auf den Hals gekommen wären.

›Es ist ungesetzlich, von Indianern Gold und Diamanten zu kaufen, Die Steine verfallen der Regierung und auch das Gold, du aber wirst obendrein noch bestraft.‹

Kann so etwas ein gesunder Verstand verstehen? Nein. Aber mit den Gesetzen kann man nicht rechten, man hat mir alles weggenommen, und ich stand wieder vor dem Nichts.

Dann passierte mir folgendes: Ich wurde von einem ›claim‹-Besitzer als ›pork-knocker‹ aufgenommen. Meine Papiere waren in Ordnung, der ›claim‹-Besitzer unterschrieb sie, hier in diesem selben Hotel haben wir den Handel abgeschlossen. Es war die schwierigste Fahrt, die ich jemals mitgemacht habe zu seinem ›claim‹. Wir waren mitten in der Regenzeit und kamen kaum vorwärts. Kaum arbeitete ich einige Tage, erschienen Aufsichtsleute auf dem ›claim‹ und verhafteten den ›claim‹-Besitzer und alle ›pork-knockers‹. Man erklärte uns, daß der ›Besitzer‹ hier sich Rechte anmaßte, die er gar nicht hatte. Der eigentliche Besitzer soll ein hoher englischer Offizier gewesen sein. Aber was ging uns arme ›pork-knockers‹ das an? Konnten wir nachforschen, ob das, was man uns sagt, stimmt? Jedenfalls wurden wir alle verhaftet und kamen ins Kittchen. ›Raiding‹, wir haben fremdes Gut geplündert, wird mit mindestens sechs Monaten bestraft, Berufung dagegen gibt es nicht.

Ich hätte jetzt eigentlich genug haben können von den Diamantenfeldern und dem Urwald. Aber als ich wieder frei war, fiel mir doch nichts Besseres ein, als es noch einmal als ›pork-knocker‹ zu versuchen.

Diesmal sah ich mir genauer die Papiere der ›claim‹-Besitzer an. Feststellen konnte ich freilich nicht, ob sie stimmten, aber ich sagte mir, zweimal kann man nacheinander nicht hereinfallen.

Anfangs sah es so aus, als ob sich auch nur ein Verrückter einen solchen ›claim‹ aussuchen würde. Ich fand nichts, rein gar nichts. Zwei Wochen lang arbeitete ich wie ein Tier und bekam nicht einen Splitter Diamant unter die Finger. Ich hungerte, meine Ration hatte ich schon längst aufgebraucht, aber kaufen konnte ich mir nichts. Mit vieler Mühe gelangte ich aber an eine Stelle, der Urwald war hier am dichtesten, und arbeitete dort den ganzen Tag. Abends dachte ich, es sei alles wieder vergebens, als in meinem Sieb ein Stein hängenblieb, ein Diamant, mindestens zwölf Karat groß. Am nächsten Tag fand ich dort vier kleine Steine, am dritten wieder einen großen. Das bedeutete allerhand Geld, ich sah mich schon als reichen Mann. Am fünften Tag kommt der Besitzer zu mir und sagt: ›Du kannst mit einem Boot, das flußabwärts fährt, wieder weitermachen. Deinen Teil zahle ich aus, aber ich brauche dich nicht mehr.‹

›Oho‹, sage ich, ›auf einen ganz Dummen bist du nicht geraten, jetzt, wo ich die Stelle gefunden habe, wo die Diamanten sind, möchtest du alles allein für dich haben, ich bleibe.‹

Ich blieb auch einige Tage, aber dann kam die Regierungsaufsicht, diese verfluchte Buschpolizei, von der ich ohnehin schon die Nase voll hatte, und verhaftete mich. Warum? Ja, das ist das Gesetz. Wenn ein ›claim‹-Besitzer dem ›pork-knocker‹ erklärt, du kannst gehen, dann muß er auch gehen. Strafe hatte ich auch zu zahlen, achtundvierzig Dollar und für jeden Tag, den ich länger blieb, als der ›claim‹-Besitzer wollte, je einen Dollar extra. Jetzt hätte ich doch endgültig genug haben sollen von den Diamantenfeldern, und doch bin ich noch einmal gegangen, aber diesmal bin ich selbst ein ›claim‹-Besitzer.«

»Siehst du, Mensch, du hast doch Glück, immer findest du genug Diamanten. Dieser Stein auf deinem Finger ist doch mindestens acht Karat.«

»Ha, aber jetzt fallen wieder die Preise wie toll. Ich sage ja, bald werden wir noch was zusetzen müssen, damit man sie uns überhaupt abnimmt.«

Der Totengräber des Urwalds

»Dieser Mann lebt nicht von Diamanten, sondern von den Leichen der Diamantengräber«, sagt ein »pork-knocker« und zeigt auf einen kleinen, dünnen Mischling, der alle Weltteile zu verkörpern scheint. Seine Ahnen waren Weiße, Chinesen, Neger, aber zweifellos fließt auch in seinen Adern ursprünglichstes Amerika. Die Haut seines Mongolengesichtes ist kupferfarben wie die eines echten Indianerhäuptlings, und Negerhaare beschatten seine blauen Augen.

»Wie schaurig, er lebt von Leichnamen? Ein Menschenfresser also?«

»So schlimm ist es bei weitem nicht, er ist nur ein Totengräber, damit kann man oft mehr verdienen als mit Diamanten. Es sterben viele Menschen im Urwald.«

»Werden denn dann feierliche Begräbnisse veranstaltet?«

»Na, gar so feierlich geht es gerade nicht zu, aber es gibt Verordnungen, die eingehalten werden müssen. Wenn Boote kentern und die Menschen ins Wasser fallen und sterben, dagegen kann die Polizei freilich auch nichts tun, aber es ist verboten, eine Leiche direkt ins Wasser zu werfen, die müssen begraben werden. Es ist auch genau vorgeschrieben, wie und wo. Eine Sandbank als Grabstätte zu benutzen ist verboten. Die Entfernung des Grabes von einer menschlichen Behausung darf nicht weniger sein als fünfunddreißig Schritte. Ein Totengräber aber hat dann auch ein sicheres Einkommen, es werden ihm für jede Leiche zehn Schilling ausbezahlt. Freilich bekäme auch ein anderer dieses Geld für das Begräbnis, aber kein Tagelöhner oder ›pork-knocker‹ macht gern solche Arbeit. Schon deshalb wartet man lieber auf den Totengräber, weil der besser erkennen kann, ob einer wirklich tot ist. Ärzte haben wir nicht im Urwald. Früher, als noch gute Zeiten waren, gab es einige Ambulanzen, aber das hat zuviel Geld gekostet, und die Regierung ließ sie eingehen. Wegen der Hitze müssen die Toten doch schnell begraben werden, man übergibt sie der Erde nicht viel anders, als sie gekommen sind, man kann gar nicht daran denken, einen Sarg zu zimmern. Das Holz des Urwaldes ist hart wie Stein, und die Lebenden haben wenig Zeit für die Toten.«

Prostitution im Urwald

Auf den Straßen Barticas, am Hafen und auch im Hotel fiel ein Mann auf mit überraschend großem und vielfältigem weiblichem Anhang. Dieser Mulatten-Maharadschah mit seinem Harem von Frauen verschiedenster Rasse erinnerte aber nicht nur an einen indischen Film-Nabob, sondern auch an einen Mädchenhändler.

Er verhandelte mit einem Kapitän sehr aufgeregt und laut wegen eines Bootes, das nach den Diamantenfeldern fahren sollte und in dem sein weibliches Gefolge Platz finden mußte.

Die jungfräuliche Natur, die große Freiheit und der Mädchenhandel, diese Kombination scheint doch unmöglich. Und doch stellte es sich heraus, daß der dicke Mulatte eine Art Mädchenhändler war.

Er besaß ein »claim« und machte überaus reichlich von der Erlaubnis Gebrauch, Dienstmädchen anzustellen. Auf seinem kleinen »claim« hatte er schon etwa vierzig weibliche Angestellte.

Diese »Dienstmädchen« waren zum größten Teil Negermädchen in jugendlichem Alter, in allen Farbschattierungen von elfenbeinhell bis ebenholzdunkel, aber alle hatten die gleichen knallrot geschminkten Wangen und eine Puderwolke auf Nase und Stirn. Sie trugen sehr bunte Kleider, künstliche Blumen im Haar und sahen ganz unmißverständlich aus.

Zwei Inderinnen, die gleichfalls zu der Gesellschaft gehörten, hatten dagegen die hoheitsvolle Haltung bewahrt, die ihnen die wehenden Tücher, in die sie gehüllt waren, verliehen. Ihre tiefdunklen Gesichter mit den regelmäßigen, harmonischen Zügen waren unbemalt, aber Ringe in der Nase und Rosetten auf Stirn und Nasenflügel hoben die gewöhnliche Natur in Künstlichkeit. Auf den nackten Armen und schmalen, fast zerbrechlichen Fesseln klirrten unzählige silberne Reifen. Es waren Kulifrauen, deren Männer hier in der Fremde gestorben waren. Sie haben sich nicht an der Bahre der verstorbenen Gatten verbrennen lassen. Um leben zu können, folgten sie dem Mulatten in den Urwald, sie haben eine lebensgefährliche Fahrt vor sich und ein lebensgefährliches Dasein.

Unter den Frauen ist auch eine Weiße. Die Weißen, die schon längere Zeit in den Tropen leben, sind weißer als die Weißen, die ankommen. Ihre Haut bekommt eine fahle Blässe, eine krankhafte Blutlosigkeit. Isoliert unter fremden Völkern, erhöht sich aber auch ihr Rassehochmut, auch dadurch werden sie weißer. Immer scheinen sie zu sagen: Ich bin weiß, ich bin mehr, ich bin Herr.

Eine weiße Dirne und »farbige Männer«, das ist die am tiefsten gesunkene Kreatur, die die Tropen kennen. Eine Seltenheit aber ist sie nicht.

Die Weiße also dieser merkwürdigen weiblichen Truppe, weiß gepudert und weiß gekleidet, hielt sich abseits von den anderen und studierte versunken englische Zeitungen.

Sie war eine Amerikanerin, besser gesagt, eine aus Polen nach Amerika Eingewanderte, aber sie hatte längere Zeit in New York gelebt. Wie kam sie hierher in den Urwald von Britisch-Guayana?

»Weiß man denn, wie alles kommt und wo man endet? In New York begann ich schon zu merken, daß das Leben nicht glatt ist für ein Mädchen, das ohne Geld ist und nichts Vernünftiges gelernt hat. Das verfluchte Englisch ist auch so schwer, ich kann es immer noch nicht richtig. Weil ich geradegewachsen bin und verschiedene Mädchen mir dazu geraten haben, bin ich erst als Chormädel gegangen. Anfangs, als die Revuen überall Mode waren, genügte ein bißchen Hüpfen. Aber später war es unmöglich, unterzukommen, ich lief tagelang hungrig herum und wußte nicht, was ich anfangen soll. Schlange stehen für einen Blechnapf ekelhafter Suppe? Dann schon lieber die Straße. Aber ich war grün und dumm, die Polizei griff mich auf, und ich kam auf die Inseln ins Arbeitshaus.

Ich hatte eine Freundin, die fuhr nach Venezuela als Erzieherin zu einer amerikanischen Familie. Sie fand einen reichen Freund und schrieb mir Wunder von dem Leben dort und schickte mir auch Reisegeld.

Ihr Freund hatte sie inzwischen links liegengelassen, und wir saßen beide in der Patsche. Aber damals waren noch gute Zeiten, die Männer hatten Geld. Wir lebten nicht übel und konnten uns auch etwas sparen.

Aber dann wurden auf den Ölfeldern Bordelle errichtet, und die Polizei begann ihre Nase in unsere Angelegenheiten zu stecken. Auch hat mir das niederträchtige Klima viel zu schaffen gemacht.

Da kam einmal die Freundin meiner Freundin, die auf der Durchreise nach New York uns besuchte, und das wurde mein Unglück. Sie sah aus – ich übertreibe nicht – wie eine Millionärin; ich meine, ich habe noch keine Millionärin gesehen, aber genau so stellte ich mir eine vor.

Sie war über und über mit Brillanten behängt. Dann erzählte sie uns eine Geschichte von Britisch-Guayana, und daß dort die Diamanten auf der Straße lägen, und man müßte sich nur nach ihnen bücken. Das hat mich nicht ruhen lassen. Aber als ich nach Britisch-Guayana kam, waren die guten Zeiten schon längst vorbei. Doch immerhin, ich konnte schlecht und recht leben. Aber jetzt kam wieder die Polizei. Es wurde verordnet, daß keine Frau, die sittlich nicht einwandfrei ist, auf den Diamantenfeldern sich aufhalten darf. Freilich, wenn ein ›claim‹-Besitzer, der sich mit den Behörden gut steht, Dienstmädchen anstellt, das ist etwas anderes, dann kümmert man sich nicht um die Sittlichkeit, obgleich sich die Polizei wirklich den Kopf zerbrechen könnte, wozu man eigentlich im Urwald, wo kaum ein Zelt steht, soviel Dienstmädchen braucht.

Ich wollte dann nicht mehr mitmachen, ich weiß, was das Ende ist. Aber das bißchen Geld, das ich hatte, wurde schnell alle. Was blieb mir sonst übrig?«

Da redet man soviel von Mädchenhandel und vergießt Tränen über die armen Opfer, die man retten möchte.

Aber gerade die Polizei treibt sie in die Arme der Mädchenhändler. Wenn sie sich von denen nicht aussaugen lassen wollen, werden sie verfolgt. Polen oder New York, Ölfelder oder Urwald, überall ist es dasselbe.

Diamantenaufkäufer

Bartica liegt an der Gabelung von drei Flüssen, des breite, trägen Essequibo, des dröhnenden, wasserfallreichen Mazaruni und des Cuyuni-Flusses, an dessen Ufern sich undurchdringliche, unerforschte Urwälder hinziehen.

Am Essequibo liegen die Motorboote der Diamantenaufkäufer und Inspektoren, der Aufsichtsbeamten und der Polizei. Sie dienen gleichzeitig als Hausboote, die höheren Komfort bieten können als das armselige Hotel. Zur Weiterfahrt in die Diamantenfelder müssen freilich die höchsten Angestellten die sehr unbequemen Correals in Anspruch nehmen.

Aber auch diese Aristokratie der Diamantenfelder klagt und seufzt nach der schönen alten Stadt. Die fetten Jahre sind auch für sie vorbei, und wenn man ihnen Glauben schenken will, ist auch unter ihnen keiner, trotz aller Mühsal und Gefahr, reich geworden.

Ein hypernervöser, kränklich aussehender Holländer, Aufkäufer einer der größten Diamantengesellschaften in Demarara, kann nicht genug über sein bitteres Los klagen.

»Man beneidet uns, aber in Wirklichkeit sind wir nicht nur im Urwald unseres Lebens nicht sicher, sondern sogar in Demarara. Die Diamantensucher sind rabiate, brutale Kerle.« Seine Hand fährt nervös über seinen Hals.

Seine Frau, die ihn begleitet, nickt bestätigend.

Der Holländer zieht die Aufmerksamkeit schon durch diese Frau auf sich. Sie ist eine Vollblutnegerin, obgleich sie gesprächsweise öfters ihre weiße und indische Abstammung betont.

Sie ist sehr elegant gekleidet, und die Brillanten, die ihre Finger, die Ohren, den Hals schmücken, stimmen nicht ganz mit den bewegten Klagen überein.

Sie stammt aus einer vornehmen und reichen Familie, sie betont es, sie ist in England erzogen, England ist ihr Zuhause. Wenn »God save the king« gespielt wird, steht sie ehrerbietig auf. Sie verachtet den »Mob«, die ungebildeten, streitsüchtigen Arbeiter. Jedes Wort, das sie sagt, ist ein Abglanz des »höheren« weißen Wesens, sie will würdig sein, der Stellung ihres Mannes gemäß repräsentieren. Sie weiß, daß es nicht schwierig ist, eine weiße Dame nachzuahmen.

Aber die Stellung der Weißen zu ihr ist trotz ihrer Wandlungskunst sehr verschieden. Die Holländer kennen bei reichen »Farbigen« (reichen unterstrichen) keinen Rassehochmut, die Engländer dulden sie, die Amerikaner verachten sie, ihr Rassehochmut beugt sich nicht einmal vor Geld, nicht einmal vor Brillanten.

Der Holländer erzählt nun, wie ihn einmal drei Diamantensucher erwürgen wollten.

Es handelte sich um einen in Britisch-Guayana wohlbekannten Stein, einen Diamanten von 158 Karat. Drei »pork-knocker« hatten sich zusammengetan und nahmen einen »claim«.

Schon nach kurzer Zeit fanden sie den Riesendiamanten. Die Kunde von einem solchen Fund verbreitet sich mit größter Schnelligkeit im Urwald.

»Geschehen nicht in einem solchen Falle Raubmorde?«

»Nein, das ist merkwürdig, solche Verbrechen kommen nicht vor, jedenfalls sind mir keine bekannt, und durch meine Inspektionsreisen hätte ich genügend Gelegenheit gehabt, davon zu erfahren. Es liegt wohl daran, daß im Urwald das Solidaritätsgefühl zwischen den Menschen, die den Naturkräften ganz preisgegeben sind, stärker lebt.«

»Aber Sie begannen doch damit, daß diese Diamantensucher Sie erwürgen wollten?«

»Ja, das war in Demarara. Den Diamantensuchern wurden im Urwald große Summen angeboten für den Stein. Einer versprach ihnen elftausend Dollar, aber sie bildeten sich ein, er wäre mindestens fünfzigtausend Dollar wert, ja ich glaube, sie träumten sogar von hunderttausend Dollar, ihre Phantasie war trunken vor Glück.

Als sie zu mir kamen, konnten sie ihre Forderungen nicht hoch genug stellen. Ein so großer Stein natürlich ist eine Seltenheit, er war auch schön, ohne Fehler. Aber was nützt der schönste Stein, wenn man weiß, es gibt keine Käufer mehr dafür. Die früheren europäischen Potentaten, die indischen Fürsten, die amerikanischen Milliardäre haben heute andere Sorgen, als Steine zu kaufen, von denen kein Mensch weiß, ob sie noch morgen irgendwelchen Wert haben. Aber das geht nicht in den Kopf der Diamantensucher, die nur den einen Traum haben: Ein großer Stein ist das große Glück, ein großer Stein macht uns steinreich. Als ich ihnen viertausendfünfhundert Dollar anbot für den Diamanten, da dachte ich wirklich, meine letzte Stunde hat geschlagen. Sie brüllten, warfen sich auf mich.«

Die Hand des Holländers strich wieder über seinen Hals.

»Zum Glück kam schnell Hilfe, ich habe nicht einmal die Polizei benachrichtigt, aber ich rief gleich alle Diamantengesellschaften in Demarara an. Alle versprachen, den Preis nicht zu überbieten, im Gegenteil, sie boten weniger.

Am nächsten Tag erschienen die Kleinlautgewordenen und waren froh, als sie nicht viertausendfünfhundert – worüber sie sich gestern noch erregt hatten –, sondern viertausend Dollar bekamen.«

So, so, wie wird man reich und glücklich? Das Rezept des Inders schien nicht ganz zu stimmen.

Kapitäne und Correalmannschaft

In Bartica bot sich mir Gelegenheit, ohne große Kosten auf einem Correal zu den nächsten, wenn auch nicht sehr ertragreichen »claims« mitzufahren.

Die Correals sind Einbaum-Boote, die von den Eingeborenen aus den härtesten Urwaldhölzern hergestellt werden. Nur sie eignen sich für die Fahrten durch reißende Gewässer. Die Mannschaft besteht aus Indianern und Negern, hauptsächlich aber Negern, unternehmungslustigen »pork-knockers« und Kontraktarbeitern, deren Kontrakt abgelaufen ist, ohne daß sie genug verdient hätten, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Die Mannschaft besteht aus zusammengewürfelten Gelegenheitsarbeitern, aber die Kapitäne sind Mitglieder einer Innung, sie sind eine Gesellschaft für sich.

Diese Kapitäne sind leicht erkenntlich an einer Stimme, die immer brausende Wasserfälle zu übertönen scheint, an einem etwas unsicheren Gang, der Neigung für Alkohol verrät, und an einem Regenschirm von außerordentlichen Dimensionen, den sie unter den rechten Arm geklemmt tragen.

Der Regenschirm ist überhaupt ein Zeichen zur Zugehörigkeit zur höheren Klasse. Ich erfuhr auch schnell, als der Correal losfuhr, den Grund. Ein Regenschirm im Urwald ist überaus nützlich, denn entweder brennt die Sonne – und sie brennt auf eine grausam stechende, höllische Art –, oder es regnet. Und Regen in den Tropen bedeutet immer eine kleine Sintflut. Es ist nun klar, daß, so große Dienste auch ein Schirm leisten kann, er nicht für die armen Schlucker da ist, die rudern, aus dem Boot springen müssen, wenn das Wasser seicht wird und das Boot an den Felsenklippen zu zerschellen droht, die die ganze Ladung der Correals löschen müssen, wenn ein Wasserfall naht, und dann die ganze schwere Last bis zur neuen Ladestation tragen.

Ruhig unter dem Schirm sitzen können nur die Passagiere, aber sehr bequem ist es trotzdem nicht. Der Kapitän, der auch seinen Schirm aufgespannt hat, gebraucht ihn wie ein Seiltänzer, um sich im Gleichgewicht zu halten. Ohne Pause gibt er Anordnungen, beobachtet er das Wasser; seine Stimme scheucht nicht nur die Ruderer auf, sondern auch die Affen, die Faultiere, die Papageien am Ufer. Wenn er gerade nicht zu kommandieren braucht, wird er Sänger und Chorführer.

»Fliegt dahin, Jungens, heho, heho!« (Das Heho wird besonders laut von allen gesungen.) »Zeigt es den Kolibris, daß wir schneller sind. Zeigt es ihnen, heho, heho.«

Er improvisiert immer neue Lieder, was ihm nicht schwerfällt, da er auf irgendwelche Dichterregel keinerlei Wert legt.

Aber so ein Kapitän eines Correals hat es sicher schwerer als der eines Ozeanriesen, jedenfalls ist das die Meinung unseres Kapitäns. Er erzählt, wie schwer es ist, eine Lizenz als Kapitän zu erhalten, und daß nur besonders Befähigte es soweit bringen könnten wie er selbst.

Fahrt in den Urwald

Treibhauslandschaft in ungeheuren Dimensionen, der phantastische, raffinierte Luxus eines Wintergartens, wohin das Auge blickt. Es ist wirklich Luxus, dieses ungeheure Gebiet, das sich vor dem Menschen verschließt, ihn nicht ernährt, das nur winzige Teile seiner Reichtümer sich entreißen läßt, und mit welcher Mühe.

Alle, die gezwungen sind, in dem Urwald zu arbeiten, hassen ihn. Nur die Buschneger und die wenigen Indianer, die sich ganz seinen Gesetzen fügen, fühlen sich befriedet in seinem Schoß.

Die Forscher aber haben es hier gut. Die tausendfältigen Blumen und Bäume sind zum größten Teil noch nicht wissenschaftlich registriert.

Der Kapitän, den ich nach den Namen der rubinfarbigen, winzigen Blüten, der riesigen violetten Kelche frage, gibt immer die gleiche Antwort: »Buschblumen haben keinen Namen.«

Die unzähligen Insekten, die Schmetterlinge, die feuerfarbenen und blauschimmernden Vögel, sie alle warten nur darauf, entdeckt zu werden und einen gebührenden Platz in den Lehrbüchern einzunehmen.

Unser Boot wird überholt von einem Correal, in dem amerikanische Botaniker nach dem Urwald fahren. Vielleicht wird ihr Name einmal mit neubenannten Pflanzen verbunden werden. Sie haben sicher entbehrungsreiche Monate vor sich, aber die schwierigste und undankbarste Arbeit haben auch bei Expeditionen die Namenlosen, die Lastträger, Ruderer und Führer.

»Ein Boot ist gekentert, fünf Leute der Correalmannschaft sind umgekommen, als sie das Boot über einen Wasserfall bringen wollten«, ruft man von einem Boot, das uns entgegenkommt.

»Ja, das kommt alle Tage vor, deshalb aufpassen, Jungens, aufpassen.« Die Mannschaft singt.

Leben auf einem »claim«

Den siegreichen Vormarsch der Zivilisation und Kultur im Urwald verkünden weit sichtbar Konservenbüchsen.

Nicht nur die irgend etwas Eßbares oder Nützliches enthalten, sondern vor allem auch die leeren Dosen.

Wie entsteht ein »claim«? Man nimmt vier leere Drei-Pfund-Biskuitdosen, zerschneidet sie und zieht sie zu einem geraden Stück und verwandelt sie in vier Pfähle, die die Grenze des »claims« anzeigen. Diese Pfähle werden weiß gestrichen, und darauf kommen der Name des »claim«-Besitzers, der Name des »claims« und die beiden Lizenznummern. Das sieht nicht gerade romantisch aus. Aber das Leben auf dem »claim« hat noch weniger Ähnlichkeit mit Knabenträumen.

Das »claim«, das wir während der Rast besuchen, heißt »Letzte Hoffnung«. So wenig optimistische Benennungen der »claims« sind sehr verbreitet, viele heißen »Prüfungen«, »Letzter Versuch«, »Schicksalsschläge, vergeht nun«. Die englische Regierung fand diese Benennungen, die sich immer wiederholten, zu lang und gab eine ganze Liste aus von vielen hundert Namenvorschlägen. Aber auch hier wurden immer nur die gleichen ausgesucht, und neben »Vamp« und »Faun« hatte »Rum« einen durchschlagenden Erfolg.

Wie groß ist ein »claim«? Im Durchschnitt soll es nicht umfangreicher sein als 600 Schritte lang und 320 Schritte breit.

Wer für primitives Leben schwärmt, hier ist von der Verderbnis der Kultur nichts zu spüren. Aber die Blume der Bürokratie blüht auch hier. Jeder »claim«-Besitzer ist verpflichtet, Buch zu führen, und das Auge der Regierung wacht über jeden Schritt, über jedes Stäubchen Gold, über jeden Splitter Diamant.

Alle klagen: Das Leben ist schwer und voller Gefahr, aber die Diamantpreise, die fallen. Sie zeigen uns die Diamanten. Im Rohzustand sehen sie aus wie leuchtende Kieselsteine.

»Bald werden sie auch keinen größeren Wert haben«, sagte der eine »pork-knocker«, der mehrere Steine gefunden hatte, aber keine Möglichkeit sah, sie verkaufen zu können.

Ja, mit dem Traum, reich zu werden durch Diamanten, ist es zu Ende.

Quelle

Leitner, Maria: Eine Frau reist durch die Welt. 1932

Digitalisat: https://www.projekt-gutenberg.org/leitner/frauwelt/index.html




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