Spiller, Else - Die Mauer am Bach

Ich war am Nachmittag nach Köln gekommen. In die blaue Sommerluft hinaus ragten noch die Trümmer der im Bau begriffenen Rheinbrücke, die wenige Tage vorher zusammengebrochen und 6 Arbeiter mit sich in das Wellengrab gerissen hatte. Mir war, als müsste das lustige, fröhliche Köln noch unter dem Eindrucke dieses schrecklichen Unglückes stehen. Ich fuhr mit einem Taxameter durch die Strassen und sah überall flutendes Leben, unaufhörlich, nimmermüde, an mir vorüberrauschen. Trotz allem Unglück bleibt es das fröhliche Köln, dessen Karneval berühmt ist, und das so hübsche Frauen hat. Das heilige Köln! Ein paar hochheilige Strassennamen weisen auf gottselige Menschen. "Heiliges Köln!" Wie wenig verdienst du diesen Namen, welch' schreckliche Dinge sah ich in deinen alten, gefeierten Mauern sich abspielen. Ohne dass deine Bürger darüber erröten!

Die Nacht war schon hereingebrochen und in den breiten Strassen lag heller Lichtschimmer, als ich mich zu meinem Streifzug rüstete.

Der wundervolle gotische Bau des Domes war von blassen Mondstrahlen umzittert. Weder das prächtige Opernhaus noch das elegante Kaffeehaus, welches, mit Geranien und anderem grünen Flor hübsch umrankt, zu einem Plauderstündchen einlud, vermochte uns zu halten. Wir strebten der Mitte der Stadt zu; in der Nähe murmelten die schweren Wellen des Rhens. Eine schmutzige, dunkle Gasse lag vor uns. Man nennt sie die "Mauer am Bach". Warum sie gerade diesen Namen führt, ist mir nicht recht verständlich, weder eine Mauer, noch ein bach rechtfertigen ihn. Ich werde sie nie vergessen, jene düstern Bilder moralischer Verkommenheit, die sich mir an jenem Sommerabend aufrollten!

Meine Freunde in Köln, denen ich diesen Einblick überhaupt zu danken hatte, sind Heilsarmee-Offiziere. Diese Freunde gaben mir einen jener auffallenden Hüte zum Anziehen, die lange nicht so monströs wie unsere heutige Damenmode sind, aber doch rechtschaffen Aufsehen erregen und manchenorts zum Gegenstand des Spottes werden. Und doch geben sie den denkbar besten Schutz in den dunkelsten Teilen der Grosstädte, wohinein sich kaum die Polizei getraut. Mit einem Stoss "Kriegsrufe" (Heilsarmee-Zeitung) im Arm, bog ich gegen Mitternacht in die "Mauer am Bach" ein, mir folgten ein Herr und zwei Damen, alle in Uniform. In der Dunkelheit sah ich etwas Weisses schimmern und dieser helle Knäuel löste sich in ein halbes Dutzend halbgekleideter Mädchen auf, die uns lachend umringten und derbe Witze über uns sich gegenseitig zuriefen. Zwei, drei andere kauerten auf den Fliesen eines Hauses und der gelbe Schimmer der Strassenlaterne beleuchtete die auffallenden Frisuren, die gemeinen Gesichtszüge und die entblössten Schultern der Mädchen. Wir liessen uns mit den letzteren in ein Gespräch ein. Wie eine Sturzflut kam der "Köll'sche Wortschwall" über uns:

"Kinner, kommt ihr von Müngersdorf, ick war och dort, sollte mir bessern, passte mich aber nich, lustig will ick sein und nicht arbeeten, dat ist viel schöner!"

(In Müngersdorf-Köln hat die Heilsarmee ein sehr schön eingerichtetes Reihenhaus für gefallene Mädchen.)

Mit frechem Lachen erkundigte sich eine nach den früheren Insassinnen des Heims, die sie wahrscheinlich für sehr dumm hält, weil sie ein anständiges Leben nunmehr dem Laster vorziehen. Einige der Mädchen tanzen in dürftigen, durchsichtigen Kleidern, die Füsse in weissen Schuhen stechend, in der dunklen Gasse und wenn ein Mann sich hieher verläuft, sucht ihn jede für sich abzufassen. Ueberall in den niederen Zimmern sind die Fenster offen, doch widerstrebt es mir, das zu schildern, was dort unverhüllt die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken sucht. Die Mädchen liegen im Fenster und die Unterhaltung fliegt über die ganze Gasse, denn hier ist jetzt ... Geschäftsstunde.

Merkwürdig, manchmal geht doch ein ernster Zug über diese Gesichter und wischt die gemeinen Linien etwas aus, um aber vielleicht schon in der nächsten Minute wieder der Ausgelassenheit Platz zu machen. Ein junges Ding lehnt an einer der dunklen Haustüren und starrt schweigend in die Gasse hinaus, mit keinem Worte hatte es sich an den Spässen beteiligt, die wie ein feiner Sprühregen voll Nadelstiche über uns gegangen waren.

"Weiss Ihre Mutter, dass Sie hier sind?" frate ich das Mädchen leise.

Es schüttelte den Kopf und ich fühlte, dass die Tränen gewaltsam hinunter geschluckt werden.

"Möchten Sie nicht heraus aus diesem entsetzlichen Schmutz?" fragte ich weiter, weil ich ahne, dass hier eine Seele nach Befreiung ringt.

"Es geht nicht, ich habe Schulden und die sind so gross, dass ich nimmer loskomme. Und wenn auch, die Polizei holt mich doch wieder. Lassen Sie mich nur, einmal ist es auch für mich genug, einmal sicher, dann aber mach' ich ein Ende, ein gutes Ende!"

Ein trotziger Zug steht ihr im Gesicht und ich ahne, welch' ein Ende sie meint. Ein inniges Mitleid mit dem armen, jungen Geschöpf quillt in mir auf und ich suche nach guten Worten, dass sie die Hilfe annimmt, die ich ihr, auf meine Freunde gestützt, anbiete. Welch' ein elendes, trauriges Leben in dieser dunklen, moralisch vollkommen verdorbenen Umgebung!

Ich mein', ich müsste das junge sympathische Ding mit Gewalt aus dem Sumpf herausziehen, in welchem sie steckt, und ich biete ihr dringend eine Heimat an, denn Müngersdorf hat noch Raum.

Da fällt eine rohe Weiberfaust auf den Rücken des Mädchens nieder und mit schrecklichen Schimpfnamen treibt die Frau ihr wehrloses Opfer wie ein Tier ins Haus hinein, während eine Rotte verkommener Kerle uns umringt und Drohungen ausstösst. Sie fürchten unsern guten Einfluss, wir könnten einem der armen Dinger den Weg in die Freiheit und Reinheit hinaus zeigen und das muss verhütet werden. Umsonst waren alle guten Worte und unser starker Wille, den Mädchen zu helfen. Wenn sie auch manchmal den Wunsch haben, aus diesem Elend heraus zu kommen, so sind doch Gewohnheit und die Verhältnisse meistens stärker als ihr Wille und dann gibt es einzelne, die finden es sogar ganz in der richtigen Oednung, dass sie den Mond als Lebenssonne haben. Eine von ihnen hat es mit mit lachendem Munde gesagt.

... Auf den Pflastersteinen spielen junge Burschen mit Würfeln und wir sind froh, aus dem Morast seelischer Verkommenheit wieder guten, sicheren Boden zu betreten.

"Muss das so sein?" Immer und immer muss ich mir diese Frage wieder vorlegen. Muss das Weib wirklich so tief im Staube liegen und weiss niemand ein Mittel, um solche Höllen aus den Städten zu entfernen und die kommenden Generationen eine andere, edlere Weltanschauung zu lehren, das Bewusstsein zu geben, dass die Menschen nur eine Moral, die der sittlichen Reinheit von Mann und Weib, haben sollen? Als der Morgen klar und sonnig über dem Rheine aufstieg und die goldenen Aehren im leichten Winde schwankten, da überkam mich die Erinnerung an das Erlebnis in der "Mauer am Bach" doppelt schrecklich, denn nun waren keine Schleier der Nacht mehr da, welche das Aergste verhüllten.

Quelle

Spiller, Else: Slums. Erlebnisse in den Schlammvierteln moderner Großstädte, Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Payer, 2008.




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